Fidel Castro

Welternährungsgipfel der Vereinten Nationen in Rom

"Verurteilt mich, die Geschichte wird mich freisprechen "

(Fidel Castro, Moncada-Prozess, Oktober 1953)


Fidel Castro: Rede auf dem Welternährungsgipfel der Vereinten Nationen in Rom am 16.11.1996

Der Hunger, unzertrennlicher Wegbegleiter der Armen, ist ein Produkt der ungleichen Verteilung des Reichtums und der Ungerechtigkeiten auf dieser Welt. Die Reichen kennen keinen Hunger.

Der Kolonialismus ist einhergegangen mit Unterentwicklung und Armut, unter denen heute ein Grossteil der Menschheit zu leiden hat. Ebenso geht er einher mit himmelschreiendem Überfluss und Verschwendung in den Konsumgesellschaften der alten Metropolen, die einen Grossteil der Länder dieser Erde ausgeplündert haben.

Für den Kampf gegen Hunger und Ungerechtigkeit sind weltweit Millionen von Menschen gestorben. Welche Heilpflästerchen werden wir einsetzen, damit es in 20 Jahren 400 Millionen anstatt 800 Millionen Hungernde gibt? Eine solche Zielmarke ist allein aufgrund ihrer Bescheidenheit eine Schande. Wenn Tag für Tag 35000 Menschen verhungern, die Hälfte davon Kinder, warum werden dann in den entwickelten Ländern ganze Haine von Olivenbäumen abgeholzt, Viehherden geschlachtet und riesige Summen ausgegeben, um die Ackerböden brachliegen zu lassen?

Wenn die Welt sich mit Recht über Unglücke, Natur- oder Sozialkatastrophen empört, durch die Hunderte oder Tausende von Menschen ums Leben kommen, warum empört sie sich nicht über diesen Völkermord, der tagtäglich vor unseren Augen geschieht? Es werden Interventionstruppen aufgestellt, um den Tod Hunderttausender von Menschen im Osten Zaires zu verhindern. Was tun wir, um zu verhindern, dass Monat für Monat eine Million Menschen in der übrigen Welt sterben?

Kapitalismus, Neoliberalismus, die Gesetze eines ungezügelten Marktes, Auslandsverschuldung, Unterentwicklung, ungerechte Austauschverhältnisse sind verantwortlich für den Tod so vieler Menschen auf der Welt. Warum werden jährlich 700 Milliarden Dollar für Militärausgaben eingesetzt und nicht ein Teil dieser Ressourcen darauf verwendet, um den Hunger zu bekämpfen und gegen die Verschlechterung der Böden, die Versteppung und Abholzung von Millionen von Hektar Wald pro Jahr, die Erwärmung der Erdatmosphäre und den Treibhauseffekt vorzugehen, der zu einem gehäuften Auftreten von Wirbelstürmen führt und Regenfälle entweder ausbleiben oder zu stark werden lässt, um die Zerstörung der Ozonschicht und weitere Naturereignisse zu verhindern, die die Nahrungsmittelproduktion und das Leben der Menschen auf der Erde gefährden?

Die Gewässer werden verschmutzt, die Atmosphäre wird vergiftet, die Natur wird zerstört. Es geht nicht nur um mangelnde Investitionen, fehlende Bildung und Technologie oder um das rasche Bevölkerungswachstum. Es geht darum, dass sich die Umweltbedingungen ständig weiter verschlechtern und die Zukunft zunehmend weiter aufs Spiel gesetzt wird.

Warum werden nach dem Ende des Kalten Krieges immer ausgeklügeltere Waffen produziert? Wozu will man diese Waffen überhaupt, wenn nicht , um die Welt zu beherrschen? Wozu diese gnadenlose Konkurrenz um den Verkauf von Rüstungsgütern an unterentwickelte Länder, die dadurch nicht mehr Macht zur Verteidigung ihrer Unabhängigkeit erhalten und in denen Hunger das einzige ist, das es aus dem Weg zu räumen gilt?

Warum wird diese verbrecherische Politik ausserdem noch durch absurde Blockaden ergänzt, die sogar Nahrungsmittel und Medikamente einschliessen, um so ganze Völker durch Hunger und Krankheit zu töten? Wo bleibt die Ethik, die Rechtfertigung, die Achtung der elementaren Menschenrechte, der Sinn einer solchen Politik?

Möge die Wahrheit herrschen und nicht Heuchelei und Lüge. Machen wir uns bewusst, dass in dieser Welt Hegemoniebestrebungen, Arroganz und Egoismus ein Ende haben müssen.

Heute schlägt die Stunde denen, die Tag für Tag an Hunger sterben. Morgen wird sie der gesamten Menschheit schlagen, wenn sie nicht willens, fähig oder in der Lage ist, weise genug zu sein, um sich selbst zu retten.

Quelle: Junge Welt Nr. 272, vom 21.11.1996, S. 10