Fidel Castro

Aula Magna der Zentraluniversität von Venezuela vor venezulanischen Studenten - Vorwort

"Verurteilt mich, die Geschichte wird mich freisprechen "

(Fidel Castro, Moncada-Prozess, Oktober 1953)


Rede in der Aula Magna der Zentraluniversität von Venezuela vor venezulanischen Studenten am 03.02.1999

Kurzes Vorwort von Fidel Casto

AN DIEJENIGEN, DIE DIE FREUNDLICHKEIT UND DIE GEDULD BESITZEN, DIESES MATERIAL ZU LESEN

Diese Rede in der Aula Magna der Zentraluniversität von Venezuela ist für mich von besonderer Bedeutung. Ich hielt diese Rede vor knapp eineinhalb Monaten am 3. Februar 1999.

Ich weiß nicht, wieviele Sterbliche wohl jemals eine so einzigartige und unvergleichliche Erfahrung gemacht haben, wie ich an jenem Nachmittag.

Ein neuer und junger Präsident hatte vor knapp 24 Stunden nach einem spektakulären Sieg, der von einem riesigen Volk unterstüzt wurde, sein Amt übernommen. Anläßlich des Besuches, den ich aus diesem Grund diesem Land abstattete, beharrten die Behörden und die Studenten der besagten Universität darauf, daß von vielen anderen geladenen Gästen ausgerechnet ich einen Vortrag halten sollte, den man als Meistervorlesung bezeichnet, deren Name allein schon vor allem uns, die wir keine Akademiker sind, oder etwa gelernt hätten etwas anderes zu tun, als den bescheidenen Beruf, das Wort dazu zu gebrauchen, um in unserem eigenen Stil und unserer eigenen Art das zu vermitteln, was wir denken, die Röte ins Gesicht treibt und Angst macht.

Nachdem mein immerwährender Widerstand gegen solche Abenteuer gebrochen war, nahm ich die Verpflichtung an, die für jemanden, der als offizieller Gast ein Land inmitten eines politischen Aufbrausens besucht, stets Risiken birgt und stets heikel ist. Dazu verpflichtete mich außerdem auf unabänderliche Weise die stets unumstößliche Solidarität mit Kuba seitens derjenigen, die mich zu dem Vortrag eingeladen hatten. Ich war zuvor schon einmal dort gewesen, was ich nie vergessen hatte. Ich fühlte mich, als ob ich die gleichen Leute dort wiedertreffen würde.

Kurz bevor ich in die Universität aufbrechen wollte, kam mir plöztlich eine Erinnerung: Die Zeit vergeht und wir merken es gar nicht.

Vierzig Jahre und zehn Tage genau waren vergangen, seitdem ich das Privileg hatte, in jener eindrucksvollen Aula Magna der kampfeslustigen und angesehenen venezolanischen Universität vor den Studenten zu sprechen an jenem 24. Januar 1959. Einen Tag zuvor, am 23. Januar in jenem Jahr, war ich nach Venezuela gekommen. Man gedachte des ersten Jahrestages des Sieges des Volkes über eine autoritäre Militärregierung. Unser eigener revolutionärer Sieg vom 1. Januar 1959 lag gerade einmal drei Wochen zurück. Eine riesige Menge erwartete mich auf dem Flughafen und belagerte mich überall wo ich hinkam in diesen Tagen, in denen ich mich dort aufhielt. Das unterscheidete sich überhaupt nicht von der Erfahrung, die ich in meinem eigenen Vaterland gemacht hatte.

Ich versuche mich so genau wie möglich daran zu erinnern, was in mir vorging. Es mischten sich soviele Ideen, Gefühle und Emotionen, die ich im Kopf und im Herzen trug! Bei diesem Strudel an Erinnerungen kann ich wohl eher der Logik als der Erinnerung vertrauen.

Ich war damals 32 Jahre alt. Wir hatten innerhalb von 24 Monaten und 13 Tagen eine Streitkraft von 80.000 Männern - ursprünglich mit nur 7 Gewehren - besiegt, die nach unserem Rückschlag unseres kleinen Kommandos aus 82 Männern drei Tage nach unserer Landung am 2. Dezember 1956, aufgestellt worden waren.

Voller Ideen und Träume, aber noch überaus unerfahren, nahmen wir an jenem 23. Januar an einem riesigen Festakt auf dem Platz des Schweigens teil. Am nächsten Tag besuchten wir die Nationaluniversität - die traditionelle Bastion der Intelligenz, der Rebellion und des Kampfes des venezolanischen Volkes. Ich selbst fühlte mich immer noch wie ein Student, der kürzlich erst vor knapp 8 Jahren die Hörsäle der Universität verlassen hatte. Von dieser Zeit hatte ich - seit dem verräterischen Staatsstreich vom 10. März 1952 - fast sieben Jahre zugetragen mit dem Aufbau des bewaffneten Widerstands, saß im Gefängnis, im Exil - dann die Rückkehr und der siegreiche Kampf. In dieser Zeit hatte ich jedoch nie den Kontakt zu Studenten unserer höchsten Bildungseinrichtungen verloren.

Bei jenem Anlaß sprach ich vor den Professoren und Studenten von der Befreiung der unterdrückten Völker unseres Amerikas. Diesmal kam ich zurück mit dem gleichen revolutionären Fieber von damals und zusätzlich mit der geballten Erfahrung aus 40 Jahren eines von unserem Volk geführten epischen Kampfes gegen die mächtigste und egoistischste Macht, die es jemals gab.

Trotzdem sah ich mich einer großen Herausforderung gegenüber. Die Professoren und Studenten waren nicht dieselben; Venezuela war nicht dasslbe; die Welt war nicht dieselbe. Wie würden jene Jugendlichen wohl denken? Welche Probleme würden sie wohl am meisten beschäftigen? Inwieweit teilten sie oder wichen sie ab von dem aktuellen Prozeß? In welchem Grad waren sie sich der objektiven Lage der Welt und ihres Landes selbst bewußt? Als ich zwei Tage zuvor in Venezuela angekommen war, nahm ich die freundliche und freundschaftliche Einladung sofort an. Mir stand nicht ein Mindestmaß an Zeit zur Verfügung, um mich gebührend zu informieren. Was würde sie wohl interessieren? Worüber sollte ich zu ihnen sprechen? Mit wieviel Freiheit konnte das ein geladener Gast tun während eines Regierungswechsels, der außerdem aufgrund eines elementaren Sinns der Achtung vor der Souveränit und dem Stolz des Landes, das unsere Unabhängigkeitskämpfe begonnen hatte, dazu verpflichtet war, sich nicht in dessen innere Angelegenheiten einzumischen? Wie würden meine Worte wohl ausgelegt werden können in den so unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen, Institutionen und politischen Parteien? Trotzdem hatte ich keine andere Alternative. Ich mußte zu ihnen sprechen und hatte das mit aller Aufrichtigkeit zu tun.

Mit einigen Eckdaten im Kopf, mit vier oder fünf Thesenblättern, die unvermeidlich ins Reine übertragen werden mußten, um sie präzise zitieren zu können, sowie mit drei oder vier Grundideen, sah ich dem Treffen mit den Studenten entschlossen entgegen. Sie hatten mich darum gebeten, die Rede unter freiem Himmel zu halten, um mehr Platz zur Verfügung zu haben. Ich bestand darauf, daß es besser wäre, sie innerhalb des Gebäudes in der Aula Magna zu halten, da dies meiner Meinung nach der Ort wäre, der sich am ehesten für den Austausch und die Reflexion eignet.

Als ich auf dem Campus ankam, sah ich Tausende von Stühlen auf unterschiedlichen Plätzen unter freiem Himmel, die vollends von Studenten besetzt waren, die vor riesigen Bildschirmen saßen und darauf den Vortrag verfolgen wollten. Die 2.800 Plätze in der Aula Magna waren besetzt. Nun also begann die schwierige Probe. Ich sprach in aller Offenheit zu ihnen und gleichzeitig unter Achtung aller Normen, die ich als für mich verbindlich erachtete. Ich brachte zusammenfassend meine Grundideen dar - das was ich von der neoliberalen Globalisierung denke; von der absoluten gesellschaftlichen und ökologischen Nichttragbarkeit der Menschheit aufgezwungenen Wirtschaftsordnung; dem Ursprung derselben, die auf die Interessen des Imperialismus zurechtgeschnitten ist und angetrieben wird von dem Fortschritt der Produktivkräfte und der beschleunigten Entwicklung von Wissenschaft und Forschung; von ihrem vorübergehenden Charakter und ihrem unweigerlichen Verschwinden aufgrund von historischen Gesetzmäßigkeiten; den Betrug der Welt und die unbegreiflichen Privilegien, die die USA an sich gerissen haben. Ich unterstrich dabei besonders den Wert der Ideale; die Demoralisierung und Ungewißheit der Systemtheoretiker; Kampftaktiken und -strategien; den wahrscheinlichen Verlauf der Ereignisse; das volle Vertrauen auf die menschliche Überlebensfähigkeit.

Gespickt mit Anekdoten, Geschichten, höchst auotobiographischen Verweisen, die im Verlauf der Überlegungen allmählich aufkamen, machte das meinen alles andere als meisterlichen Vortrag aus, mit dem ich dem gerecht wurde, was mir angetragen worden war. Ich stellte ihnen mit der gewohnten Inbrunst und Hingabe und in einer so tiefen Überzeugung wie noch nie, die Ideale dar, die ich mit kühlem und nachdenklichem Fanatismus vertrete. Als Kämpfer, der nie aufgehört hat zu kämpfen, hatte ich in dem langen Zeitraum von 1959 bis 1999 das seltene Privileg, mich in einer geschichtsträchtigen und angesehenen Universität mit zwei verschiedenen Generationen von Studenten in zwei radikal verschiedenen Welten zu treffen. Beide Male nahmen sie mich mit derselben Warmherzigkeit und demselben Respekt auf.

Man könnte ja vielleicht schon abgehärtet sein durch alle Emotionen, die man erlebt hat - ich war es aber nicht.

Die Stunden waren vergangen. Am Ende versprach ich ihnen, daß ich mich in vierzig Jahren bei unserem Wiedersehen kürzer fassen würde. Viele aus der begeisterten und kampfeslustigen Menge blieben bis zum Schluß mit Interesse und Aufmerksamkeit auf ihren Plätzen. Einige gingen fort - vielleicht war es ja schon zu spät. Ich werde jenes Treffen niemals vergessen.

Fidel Castro Ruz

18. März 1999

Die Rede dauerte über 4 Stunden. Für die Übersichtlichkeit ist Sie hier auf unterschiedliche Seiten verteilt.

Vorwort

Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5