Fidel Castro

Aula Magna der Zentraluniversität von Venezuela vor venezulanischen Studenten - Teil 4

"Verurteilt mich, die Geschichte wird mich freisprechen "

(Fidel Castro, Moncada-Prozess, Oktober 1953)


Rede in der Aula Magna der Zentraluniversität von Venezuela vor venezulanischen Studenten am 03.02.1999

Teil 4

Wir befinden uns hier in dem Land, für das wir besondere Bewunderung, Respekt und Zuneigung empfinden. Als ich vor 40 Jahren hierher kam, drückte ich es so mit tiefster Dankbarkeit aus, denn nirgendwo wurde ich besser und mit soviel Herzlichkeit und Enthusiasmus empfangen. Das einzige, wofür ich mich schämen kann, ist die Tatsache, daß ich damals beim ersten Treffen in dieser angesehenen Universität wirklich noch im Kindergartenalter war (Lachen und Beifall).

Nachdem ich dies gesagt habe, möchte ich nun so zusammengefaßt wie möglich den Gedanken ausführen, den ich in bezug auf Venezuela vortragen wollte.

Wahrscheinlich werden nicht alle damit einverstanden sein. Das Wichtigste ist, daß jeder ihn mit Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Objektivität analysiert.

Die Zahlen und Angaben, die dieser Besucher versucht hat, zu analysieren, bringen ihn zu der Schlußfolgerung, daß das venezolanische Volk in dieser neuen Epoche mit Mut und Intelligenz die ernsthaften Schwierigkeiten bewältigen muß, die aus der aktuellen wirtschaftlichen Situation entstehen.

Warenexporte, gemäß dem Bericht der Zentralbank:

1997: 23,4 Milliarden Dollar (hier werden die Dienstleistungen nicht einbezogen, die in bezug auf Einnahmen und Ausgaben mehr oder weniger ein Gleichgewicht aufzeigen).

1998: 17,32 Milliarden Dollar. Das bedeutet, daß der Wert der Exporte in einem einzigen Jahr um 6,08 Milliarden Dollar gesunken ist.

Erdöl (Hauptexportgut) - Preise: 1996: etwa 20 Dollar pro Barrel; 1997: 16,5 Dollar; 1998: etwa 9 Dollar.

Die wichtigsten Bergbauprodukte: Eisen, Aluminium, Gold und Derivate wie Stahl. Die Preise für alle diese Produkte sind in größerem oder kleinerem Ausmaß spürbar gesunken. Beide Branchen stellen 77% der Exporte, das heißt Erdöl und Bergbauprodukte.

Positive Handelsbilanz:

1996 - 13,6 Milliarden Dollar

1998 - 3,4 Milliarden Dollar

Differenz: 10,2 Milliarden Dollar in nur 2 Jahren.

Zahlungsbilanz:

1996 - 7 Milliarden Dollar im Plus für Venezuela

1998 - 3,418 Milliarden Dollar im Minus für das Land.

Differenz: mehr als 10 Milliarden Dollar.

Verfügbare internationale Reserven:

1997: 17,818 Milliarden Dollar

1998: 14,385 Milliarden Dollar

Nettoverluste: etwa 3,5 Milliarden Dollar in einem Jahr.

Außenverschuldung:

1998: 31,6 Milliarden Dollar, wobei die kurzfristigen privaten Finanzschulden nicht einbezogen sind. Fast 40% des Staatshaushalts wird für die Bedienung der Außenschuld aufgewendet.

Soziale Situation, gemäß verschiedenen nationalen und internationelen Quellen, die gestern vom Präsidenten Chávez wörtlich bestätigt wurden (Beifall):

Arbeitslosigkeit - gemäß seinen Worten -: Offizielle Zahlen sprechen von 11-12%. Es gibt andere Angaben, die auf eine Rate von 20% hinweisen.

Die Unterbeschäftigung (welche die Arbeitslosigkeit miteinschließt, wie anzunehmen ist) -die Anmerkung in Klammern habe ich hinzugefügt - bewegt sich um 50% herum.

Fast eine Million Kinder müssen um ihr Überleben kämpfen - das sind die Worte, die er gebrauchte.

Die Kindersterblichkeit beträgt fast 28 pro 1000 Lebendgeborenen. 15% der Todesfälle ist auf Unterernährung zurückzuführen.

Wohnungsdefizit: 1.500.000.

Nur eines von fünf Kindern beendet die Grundschule; 45% der Jugendlichen absolviert nicht die Sekundarstufe.

Wenn ihr es mir erlaubt, um ein Beispiel aufzuzeigen, sage ich, daß in Kuba etwa 95% der Jugendlichen dieser Altersstufe die Sekundarstufe absolvieren. Das ist fast das Maximum, das man erreichen kann. Ich sage dies, da die Zahl von 45% für die Kinder, die nicht zur Schule gehen, wirklich beeindruckend ist.

Zu diesen Daten, die der Präsident in seiner komprimierten Synthese aufgezeigt hat, könnten noch weitere aus verschiedenartigen und glaubwürdigen Quellen entstammende Daten hinzugefügt werden.

Mehr als eine Million Kinder sind in den Arbeitsmarkt einbezogen und mehr als 2,3 Millionen Kinder aus dem Schulsystem ausgeschlossen und ohne jegliche Beschäftigung.

In den letzten 10 Jahren sind mehr als eine Million Venezolaner aus der Kategorie "C" der Mittelschicht - wie ihr seht, sind wir auch in der Mittelschicht in Kategorien eingeteilt - in die Kategorie der Armen und Bedürftigen abgerutscht, die heute bereits 77% der Venezolaner aufgrund des Einkommensrückgangs, der Arbeitslosigkeit und den Auswirkungen der Inflation umfaßt. Das bedeutet, daß "c", "d" und "e" die Kategorien sind, die heutzutage von den Armen bis zu den Bedürftigen alle erfassen.

Dies geschah, wie es Präsident Chávez mit bewegenden und bitteren Worten ausdrückte, im ursprünglichen Vaterland von Bolívar, der am reichsten mit Naturschätzen ausgestattetsten Nation von Amerika mit einer Fläche von fast einer Million Quadratkilometern und nicht mehr als 22 Millionen Einwohnern.

Ich versuche, darüber nachzudenken.

Ich muß zunächst und vor allem sagen, daß ich ein Freund von Chávez bin (Beifall). Aber niemand hat mich darum gebeten oder mich gedrängt, über ein bestimmtes Thema zu sprechen. Keine Führungspersönlichkeit seines Teams und kein venezolanischer Politiker oder Freund wußte irgend etwas davon, worüber ich am heutigen Abend hier an einem so neuralgischen und strategischen Ort wie der Zentraluniversität von Venezuela sprechen würde. Die hier ausgedrückten Gedanken unterliegen meiner totalen und absoluten Verantwortung und werden in der Hoffnung geäußert, daß sie von Nutzen sein könnten.

Was besorgt uns? Mir scheint es, daß ich in diesem Moment eine außergewöhnliche Situation in der Geschichte Venezuelas vor mir sehe. Ich habe zwei besondere Augenblicke miterlebt: zunächst jenen im Januar 1959 und dann 40 Jahre später die außerordentliche Erregung des Volkes am 2. Februar 1999. Ich habe ein wiederauflebendes Volk gesehen. Ein Volk, wie ich es damals auf dem Platz der Stille sah, wo ich ein bißchen stiller war als hier (Lachen) und wo ich einem wunderbaren Bewohner von Caracas sogar eine Widerrede geben mußte, weil ich ausgehend von einer elementaren Pflicht als Besucher einige Persönlichkeiten der Regierung erwähnte, beginnend beim Admiral Larrazábal, und als ich eine andere in jenem Augenblick wichtige politische Persönlichkeit erwähnte, gab es dort im Publikum Lärm und Proteste, die mich meinerseits zwangen, ebenfalls zu protestieren. Ich beschwerte mich, da es mir ungemein peinlich war und ich glaube, daß ich sogar errötete. Und ich sagte ihnen: "Ich erwähne doch hier keine Namen, damit ihr ihn dann auspfeift". Ich übermittelte der gewaltigen Menschenmasse auf dem Platz der Stille meine Beschwerde. Diese Massen waren unzweifelhaft revolutionär eingestellt.

Ich fand jetzt wieder das Bild eines Volkes in einer außergewöhnlichen Stimmung vor, diesmal allerdings unter anderen Umständen. Damals vor 40 Jahren waren die Hoffnungen zurückgeblieben. Ich möchte jetzt hier jetzt nicht die Gründe erklären. Das überlasse ich den Historikern. Diesmal schreiten die Hoffnungen voran, ich sehe hier eine wirkliche Wiederaufersteheung Venezuelas, oder wenigstens eine außerordentlich große Gelegenheit für Venezuela. Ich sehe dies nicht nur im Interesse Venezuelas, sondern auch der Lateinamerikaner und der anderen Völker der Welt, angesichts der Art und Weise, wie die Welt hin zu einer umfassenden Globalisierung voranschreitet, denn daran geht kein Weg vorbei. Dafür gibt keinen Ausweg und keine Alternativen. Damit kann ich also nicht beabsichtigen, euch zu schmeicheln, sondern ich will euch vielmehr an eure Pflicht und die Pflicht der Nation, des Volkes und all derer erinnern, die nach jenem Besuch geboren wurden, an die Pflicht der Jüngsten und der Reifsten, die wirklich eine Aufgabe von enormer Verantwortung vor sich haben.

Ich glaube, daß schon einige Male Gelegenheiten verschenkt wurden, aber euch würde man nicht verzeihen, wenn ihr diese verschenkt (Beifall).

Es spricht eine Person zu euch, die das Privileg und die Gelegenheit gehabt hat, einige politische Erfahrung gesammelt und einen revolutionären Prozess in seiner Gesamtheit durchlebt zu haben, und dies sogar in einem Land, in dem die Leute nichts von Sozialismus hören wollten, wie ich euch bereits erzählte. Wenn ich hier von den Leuten spreche, meine ich die große Mehrheit der Bevölkerung. Dieselbe Mehrheit unterstützte die Revolution, unterstützte die Führer, unterstützte die Rebellenarmee, aber es gab Gespenster, die sie in Angst und Schrecken versetzten. Das, was Pavlov mit den berühmten Hunden machte, war das, was die Vereinigten Staaten mit vielen von uns und mit wer weiß wie vielen Millionen Lateinamerikanern machten. Sie schufen bedingte Reflexe in uns.

Wir mußten viel gegen die Mängel und die Armut kämpfen und lernen, aus wenig viel zu machen. Wir haben bessere und schlechtere Augenblicke erlebt, vor allem als wir Handelsverträge mit dem sozialistischen Lager und der Sowjetunion erreichten und gerechtere Preise für unsere Exportprodukte forderten, da wir erkannten, daß der Preis ihrer Lieferungen anstieg und der Preis unserer Produkte im Falle eines Fünfjahresvertrages während dieses Zeitraums unverändert blieb, so daß wir am Ende der fünf Jahre über eine geringere Kaufkraft verfügten. Wir schlugen die Gleitklausel vor, die besagte, daß im Falle eines Preisanstiegs ihrer nach Kuba exportierten Produkte die Preise unserer Lieferungen automatisch anstiegen. Wir griffen zur Diplomatie, zur Doktrin und zur Redegewandheit, die bei Revolutionären eines Landes, das so viele Hindernisse zu überwinden hatte, erwartet werden kann.

Die Sowjets hatten wirklich Sympatie für Kuba und eine große Bewunderung für unsere Revolution, weil es sie in Erstaunen versetzte, nach so vielen Jahren dort neben den Vereinigten Staaten ein kleines Land zu sehen, das sich gegen die gewaltige Supermacht erhob, was sie sich niemals hatten vorstellen können und wozu sie niemals jemandem geraten hätten. Zum Glück haben wir niemanden um Rat gefragt (Lachen), auch wenn wir damals bereits fast die gesamte Bibliothek der Werke von Marx, Engels, Lenin und anderer Theoretiker gelesen hatten. Wir waren überzeugte Marxisten und Sozialisten.

Mit diesem Fieber und diesen Masern, die wir Jugendlichen gewöhnlich haben, und oftmals sogar die Alten (Beifall), übernahm ich die Grundprinzipien, die ich in dieser Literatur gelernt hatte und die mir halfen, die Gesellschaft zu verstehen, in der ich lebte und die bis dahin für mich ein unwegsames Gestrüpp darstellte, das keine überzeugende Erklärung irgendeiner Art anbot. Und ich muß sagen, daß das berühmte 'Kommunistische Manifest', für dessen Abfassung Marx und Engels so viele Monate gebraucht hatten - man merkt, daß der Hauptautor gewissenhaft arbeitete, wie er oftmals betonte, und daß er das Werk öfter überarbeitet haben muß als dies Balzac mit einer Seite von irgendeinem seiner Romane tat - einen großen Eindruck auf mich machte, da ich zum ersten Male in meinem Leben eine Reihe von Wahrheiten erkannte, die ich nie zuvor gesehen hatte.

Davor war ich eine Art von utopischer Kommunist. Ich studierte einen 900-seitigen dicken Wälzer, der auf Handautographblätterm gedruckt war und den ersten Kurs für Politische Ökonomie enthielt, den sie an der Juristischen Fakultät unterrichteten. Es war eine von den Ideen des Kapitalismus inspirierte Politische Ökonomie, die aber die verschiedenen Schulen und Kriterien erwähnte und knapp analysierte. Indem ich später im zweiten Kurs dem Thema ein großes Interesse widmete und ausgehend von rationalen Gesichtspunkten meine Überlegungen anstellte, zog ich meine eigenen Schlußfolgerungen und wurde zu einem utopischen Kommunisten. Ich bezeichne dies so, weil meine Anschauungen nicht auf irgendeiner wissenschaftlichen oder historischen Grundlage basierten, sondern den guten Wünschen jenes kurz zuvor graduierten Absolventen der Jesuitenschule entsprangen. Den Jesuiten bin ich sehr dankbar, da sie mir einige Dinge gezeigt haben, die mir im Leben weitergeholfen haben, vor allem die Austattung mit einer gewissen körperlichen Stärke, einen Sinn für Humor und bestimmte ethische Prinzipien, welche die spanischen Jesuiten den Schülern einschärften, wenn sie auch weit entfernt von meinen jetzigen politischen und sozialen Überzeugungen waren.

Ich verließ die Jesuitenschule als Sportler, Pfadfinder und Bergsteiger und trat als politischer Analphabet in die Universität von Havanna ein, ohne das Glück, über einen revolutionären Lehrmeister zu verfügen, der in jener Etappe meines Lebens so nützlich für mich gewesen wäre.

Auf diesen Wegen gelangte ich zu meinen Ideen, die ich mit Treue und wachsender Inbrunst beibehalte, vielleicht deshalb, weil ich über etwas mehr Erfahrung und Kenntnisse verfüge und vielleicht auch aus dem Grund, daß ich die Möglichkeit gehabt habe, über neue Probleme nachzudenken, die in der Epoche von Marx noch nicht einmal existierten.

Das Wort Umwelt zum Beispiel dürfte niemand zu Lebzeiten von Karl Marx jemals ausgesprochen haben, mit Ausnahme von Malthus, der davon sprach, daß die Bevölkerung geometrisch anwachsen und die Nahrung nicht für so viele Menschen ausreichen würde, womit er sich so in eine Art von Vorläufer der Ökologiebewegung verwandelt hatte, wenn er auch Ansichten über Ökonomie und Löhne aufrechterhielt, mit denen man nicht einverstanden sein kann (Lachen).

So habe ich also das gleiche Hemd an, mit dem ich vor 40 Jahren diese Universität besuchte (Beifall), mit dem wir die Moncada-Kaserne angriffen und mit dem wir mit der 'Granma' landeten (Beifall).

Ich würde sogar behaupten, daß ich trotz der vielen abenteuerlichen Kapitel, die jedermann in meinem revolutionären Leben finden kann, immer versucht habe, weise und mit Vorsicht zu agieren, wenn ich vielleicht auch letztlich mehr weise als vorsichtig war.

In der Konzeption und der Entwicklung der Kubanischen Revolution haben wir so gehandelt, wie Martí es ausdrückte, als er kurz vor seinem Tod auf dem Schlachtfeld vom großen antiimperialistischen Ziel seiner Kämpfe sprach: "In der Stille und unter Vermeidung jeder Direktheit mußte es vor sich gehen, weil es Dinge gibt, die zum Zweck ihres Erreichens im Dunkeln belassen werden müssen, denn wenn man ihr wahres Wesen verkündete, würde man zu große Schwierigkeiten heraufbeschwören, um das Ziel nach deren Bewältigung noch zu erreichen".

Ich war diskret, wenn auch nicht so, wie ich hätte sein müssen, denn ich erklärte allen Leuten, die ich traf, die Ideen von Marx und von der Klassengesellschaft, so daß mir in der Volksbewegung, deren gegen die Korruption gerichtete Kampfparole "Scham gegen Geld" lautete und in die ich mich kurz nach meinem Eintritt in die Universität eingliederte, der Ruf eines Kommunisten nachhing. Aber bereits in den letzten Jahren meines Studiums war ich nicht mehr ein utopischer Kommunist, sondern diesmal ein atypischer Kommunist, der frei agierte. Ich ging von einer realistischen Analyse der Situation unseres Landes aus. Es war die McCarthy-Epoche mit einer fast vollständigen Isolierung der Sozialistischen Volkspartei, wie sich die marxistische Partei in Kuba damals nannte, und es gab dagegen in der Bewegung, der ich mich angeschlossen hatte und die bereits zur Partei des Kubanischen Volkes geworden war, eine große Masse von Aktivisten, die meiner Meinung nach über einen Klasseninstinkt, wenn auch nicht über ein Klassenbewußtsein, verfügten. Es waren Bauern, Arbeiter, Facharbeiter, Vertreter der Mittelschicht, gute, aufrichtige und potentiell revolutionäre Menschen. Der Gründer und Führer dieser Partei war ein Mann von großem Charisma, der sich Monate vor dem Sttaatsstreich von 1952 in dramatischer Art und Weise das Leben nahm. Aus den Reihen der jugendlichen Mitglieder dieser Partei nährte sich später unsere Bewegung. Ich arbeitete in dieser politischen Organisation mit, die in Wirklichkeit bereits dabei war, in die Hände von reichen Personen zu fallen, wie es mit allen Parteien geschah, und ich konnte bereits voraussehen, was nach dem damals unvermeidlichen Triumph an den Wahlurnen geschehen würde. Dennoch hatte ich auf eigene Faust - ein Utopiker kommt auf alle möglichen Ideen, stellt euch das mal vor - schon einige Konzepte darüber entwickelt, was man in Kuba in Angriff nehmen kann und wie dies trotz der Vereinigten Staaten durchzuführen sei. Die Massen mußten auf einen revolutionären Weg geführt werden. Das war vielleicht der Verdienst der von uns eingeschlagenen Taktik. Klar, wir bewegten uns natürlich immer mit den Büchern von Marx, Engels und Lenin.

Als uns während des Sturms auf die Moncada-Kaserne ein Buch von Lenin verlorenging, war das erste, was die Propaganda des Batista-Regimes im Laufe des Prozesses behauptete, daß es sich um eine Konspiration von korrumpierten Prio- Anhängern aus dem Umfeld der kurz zuvor gestürzten Regierung handelte, die mit Geldmitteln dieser Leute ausgestattet und zudem kommunistisch sei. Es ist unklar, wie man diese beiden Kategorien vereinbaren konnte.

Während des Prozesses übernahm ich meine eigene Verteidigung. Nicht weil ich mich für einen guten Anwalt hielt, sondern weil ich glaubte, daß ich selbst in diesem Moment der Beste sei, der mich verteidigen könnte. Ich zog mir eine Robe über und nahm den für die Anwälte bestimmten Platz ein. Es handelte sich mehr um einen politischen Prozess als um einen Strafprozess. Mir ging es nicht darum, einen Freispruch zu erreichen, sondern Ideen zu verbreiten. Ich begann, alle die Kriminellen zu verhören, die Aberdutzende von unseren Gefährten ermordet hatten und die als Zeugen auftraten. Der Prozess richtete sich im Grunde genommen gegen sie (Beifall). So kam es dazu, daß sie mich am nächsten Tag vom Prozess entfernten und für krank erklärten (Lachen). Das war das letzte, was sie taten, da sie eine große Lust hatten, mich ein für alle Mal zu eliminieren. Aber gut, ich wußte sehr gut, warum sie sich zurückhielten. Ich kannte und kenne bis heute die Psychologie aller dieser Leute, ihre Stimmung, die Situation des Volkes sowie die Ablehnung und enorme Abscheu, welche die Morde auslösten. Außerdem hatte ich auch ein bißchen Glück, aber die Tatsache ist die, daß in den ersten Stunden, während sie mich verhörten, das Buch von Lenin auftaucht und jemand es mir vor die Nase hält: "Sie hatten ein Buch von Lenin dabei".

Wir erläuterten, daß wir Anhänger Martís seien, was die Wahrheit war, daß wir nichts mit jener korrupten Regierung zu tun hatten, die sie von der Macht vertrieben hatten, und daß wir uns diese und jene Ziele vorgenommen hatten.

Eines war klar, von Marxismus-Leninismus erwähnten wir nicht ein Wort und hatten außerdem auch keinen Grund, ihnen irgendetwas zu erzählen. Wir sagten das, was wir ihnen sagen mußten, doch als während der Verhandlung das erwähnte Buch auftauchte, fühlte ich in diesem Augenblick einen wirklichen Zorn und sagte: "Ja, dieses Buch von Lenin gehört uns, denn wir lesen die Bücher von Lenin und anderen Sozialisten, und der, der sie nicht liest, ist ein Ignorant." So erklärte ich es vor den Richtern und weiteren Prozeßteilnehmern an jenem Ort (Beifall).

Das war unerträglich. Wir sagten nicht: "Schauen Sie, dieses Büchlein hat irgendjemand dort hingesteckt." Nein, nein (Lachen).

Danach lag unser Programm offen vor, als ich mich im dem Prozess verteidigte. Wer nicht über unsere Überzeugungen Bescheid wußte, wollte dies nicht wissen. Vielleicht wollte man jene unter dem Titel "Die Geschichte wird mich freisprechen" bekannt gewordene Rede ignorieren, mit der ich mich dort allein verteidigte, denn sie entfernten mich aus der Verhandlung und erklärten mich für krank, wie ich bereits vorher erwähnte, und führten den Prozess gegen alle anderen fort, während sie mich in ein Krankenhaus schickten, um mich dort in einem kleinen Saal abzuurteilen. Sie lieferten mich nicht direkt ins Krankenhaus ein, sondern steckten mich in eine isolierte Zelle des Gefängnisses. In dem Krankenhaus befand sich ein winziger Saal, der in einen Gerichtsaal umgewandelt wurde, in dem sich das Gericht und einige wenige Personen, fast alles Militärs, zusammendrängten und wo ich letztlich abgeurteilt wurde. Ich hatte dort das Vergnügen, alles was ich dachte, in ausführlicher und ziemlich herausfordernder Weise zu äußern. Ich frage mich, wieso sie nicht herausfanden, welcher unser Denkansatz war, denn es lag alles offen vor. Man kann sagen, daß die Rede die Grundpfeiler eines sozialistischen Regierungsprogramms enthielt, auch wenn wir selbstverständlich überzeugt waren, daß dies nicht der geeignete Moment sei, um dies offen auszusprechen, denn das würde in Etappen verlaufen und seine Zeit brauchen. Wir sprachen damals bereits von der Agrarreform und neben anderen sozialen und ökonomischen Aspekten sogar davon, daß der gesamte Mehrwert - selbstverständlich ohne dieses Wort zu erwähnen (Lachen) -, das heißt alle die Gewinne jener Herrschaften, die über so viel Geld verfügten, für die Entwicklung des Landes verwendet werden müßte, und ich gab zu verstehen, daß die Regierung verantwortlich für diese Entwicklung und die Verwendung der besagten Geldüberschüsse sei.

Ich sprach sogar vom Goldenen Kalb. Wieder erinnerte ich an die Bibel und wies auf diejenigen hin, "die das Goldene Kalb anbeteten", wobei ich mich eindeutig auf diejenigen bezog, die alles vom Kapitalismus erwarteten. Es gab also eine genügend große Anzahl von Hinweisen darauf, wie wir wirklich dachten.

Später bin ich zu dem Schluß gekommen, daß möglicherweise viele derer, die von einer wirklichen Revolution betroffen gewesen wären, uns absolut nicht glaubten, denn in 57 Jahren als US-amerikanische Neokolonie wurde mehr als ein fortschrittliches oder revolutionäres Programmm verkündet, weshalb die herrschenden Klassen das unsere niemals als durchführbar oder von den Vereinigten Staaten tolerierbar ansahen, ihm keine größere Aufmerksamkeit schenkten, es hinnahmen und sich sogar darüber amüsierten. Am Ende würden alle Programme aufgegeben werden und die Leute sich korrumpieren lassen, und möglicherweise sagten sie: "Die Illusionen dieser romantischen Jugendlichen sind sehr hübsch und sympathisch. Warum sollen wir dem eine große Beachtung schenken?"

Sie fühlten eine Antipathie gegenüber Batista, bewunderten die Frontalattacke gegen sein willkürliches und korruptes Regime und unterschätzten möglicherweise das in jener Verteidigungsrede enthaltene Denken, in dem die Grundlagen dessen zu finden waren, was wir danach taten und woran wir heute glauben, allerdings mit dem Unterschied, daß die langjährigen Erfahrungen unsere Kenntnisse und Wahrnehmungsweisen in bezug auf alle diese Themen bereichert haben. So ist dies also mein Denken, seit damals habe ich es offen verkündet.

Wir haben die harte Erfahrung eines langen revolutionären Abschnitts durchlebt, vor allem in den letzten 10 Jahren, als wir uns unter schwierigsten Umständen extrem mächtiger Kräfte erwehren mußten. Gut, ich werde die Wahrheit sagen: wir haben das geschafft, was unmöglich erschien. Ich würde fast sagen, daß Wunder vollbracht wurden. Selbstverständlich beschlossen wir damals die Gesetze so, wie sie vorher versprochen wurden, und es kam die wie immer hochmütige und arrogante Oppostion der Vereinigten Staaten auf, die sehr viel Einfluß in unserem Land hatten. Der Prozess radikalisierte sich angesichts von jedem Schlag und jeder Aggression, denen wir ausgesetzt waren. So begann der lange Kampf, der bis heute andauert. Die gesellschaftlichen Kräfte in unserem Land polarisierten sich, wobei die überwiegende Mehrheit auf seiten der Revolution stand und eine Minderheit von etwa 10% oder weniger sie ablehnte, so daß es bis heute immer einen großen Konsens und eine gewaltige Unterstützung in diesem gesamten Prozeß gegeben hat.

Man weiß, um welche Dinge man sich kümmern kann, denn wir unternahmen eine große Anstrengung zur Überwindung der bestehenden Vorurteile, zur Übermittlung von Ideen und zur Bildung von Bewußtsein bei den Menschen, was eine schwierige Aufgabe war.

Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich über Rassendiskriminierung sprach und dreimal im Fernsehen erscheinen mußte. Mich erstaunte, bis zu welchem Ausmaß die von den Nachbarn im Norden mitgebrachten Vorurteile in der Bevölkerung verankert waren, was unsere Vermutungen übertraf: Daß bestimmte Clubs für Weiße reserviert waren und die anderen dort nicht hingehen konnten, daß bestimmte Strände, vor allem in der Hauptstadt waren es fast alle Strände, nur für Weiße vorgesehen waren und daß sogar nach Rassen getrennte Parks und öffentliche Promenaden existierten, auf denen die einen in die eine Richtung gingen und die anderen in die andere, je nach Hautfarbe. Wir öffneten alle Strände für die gesamte Bevölkerung und verboten von Beginn an die Diskriminierung in allen Erholungsstätten, Parks und Promenaden. Diese erniedrigende Ungerechtigkeit war absolut unvereinbar mit der Revolution.

Eines Tages sprach ich davon und erklärte diese Dinge. Was für eine gewaltige Reaktion und wieviele Gerüchte und Lügen rief das hervor! Sie sagten, wir würden weiße Männer zwingen, schwarze Frauen zu heiraten und umgekehrt. Gut, genauso wie diese Abstrusität, die sie eines Tages erfanden, nach der wir den Eltern die elterliche Sorge entziehen würden. Ich mußte wieder im Fernsehen über das Thema der Diskriminierung sprechen, um auf alle diese Gerüchte und Intrigen zu antworten und zum wiederholten Male die Sachlage zu erklären. Es kostete viel Arbeit, dieses Phänomen zu überwinden, das nicht mehr war als der Ausdruck einer aufgezwungenen rassistischen Kultur und eines erniedrigenden und grausamen Vorurteils.

Das bedeutet, daß wir in jenen Jahren einen Großteil unserer Zeit für zwei Dinge verwendeten, nämlich zum einen die Bildung von Bewußtsein und zum anderen die Verteidigung gegen Expeditionen, Drohungen mit äußerer Agression, den schmutzigen Krieg, Attentatspläne, Sabotageakte etc.. Es gab in allen Provinzen unseres Landes bewaffnete Söldnerbanden, die von der Regierung der Vereinigten Staaten gefördert und finanziert wurden, aber wir durchkreuzten ihre Pläne und gaben ihnen keine Zeit, so daß sie nicht die geringste Chance hatten, sich zu entfalten, denn unsere eigene Erfahrung mit irregulärer Kriegsführung lag erst kurz zurück und praktisch waren wir eines der wenigen revolutionären Länder, das die konterrevolutionären Banden trotz deren logistischer Unterstützung aus dem Ausland total vernichten konnte. Dafür haben wir viel Zeit verwendet. Ein Problem und eine konkrete Besorgnis, die ich habe, ist das, was man jetzt überall sieht und was ganz natürlich ist, nämlich daß aufgrund des außergewöhnlichen Wahlergebnisses viele Erwartungen in Venezuela aufgekommen sind. Worauf beziehe ich mich? Auf die natürliche und logische Tendenz der Bevölkerung, zu träumen und zu hoffen, daß die große Anzahl von aufgestauten Problemen innerhalb von einigen Monaten gelöst werden. Als euer aufrichtiger Freund und ausgehend von meiner Erfahrung denke ich, daß es Probleme gibt, die weder in Monaten noch in Jahren gelöst werden können (Beifall).

Deshalb habe ich die Zahlen vorgelesen, denn wir sehen und analysieren täglich ähnliche Daten in unserem Land, wie z.B. die Frage nach der Höhe des Nickel- oder Zuckerpreises, den Hektarerträgen im Zuckersektor, dem Eintreten oder Ausbleiben von Trockenperioden, den Einnahmen, den Schulden, den dringenden Einkaufsprioritäten, dem Preis des Milchpulvers, des Getreides, der unerläßlichen Medikamente, der produktiven Inputs und all der andern Dinge sowie der zu ergreifenden Maßnahmen.

Zu bestimmten Zeiten konnten wir die Zuckerproduktionen steigern und sie praktisch verdoppeln, erzielten gute Preise, erwarben Maschinen und begannen mit dem Ausbau der Infrastruktur. Die Investitionen in der Industrie und der Landwirtschaft wurden gesteigert, was nur durch die technologischen Ressourcen der Sowjetunion begrenzt war, die in einigen Bereichen fortgeschrittener und in anderen rückständiger waren, wobei sie im Allgemeinen sehr viel Brennstoffe verbrauchten.

Aber wir kauften so viel Stahl, wie wir über die inländische Produktion hinaus brauchten. Jedes Jahr kam eine halbe Million Kubikmeter Holz aus Sibirien in Kuba an, das mit Zucker, Nickel und anderen Produkten in Übereinstimmung mit dem Abkommen über Gleitpreise bezahlt wurde, das vor der Ölpreisexplosion geschlossen wurde und gemäß dem der Preis für Zucker und andere Exportgüter in demselben Maß anstieg wie der Ölpreis (Beifall). Und wißt ihr, wieviel Öl wir verbrauchten? Dreizehn Millionen Tonnen jährlich an Brennstoffen, nicht nur bestimmt für den Transport, die Mechanisierung der Landwirtschaft, den Straßenbau, die Hafenanlagen, Tausende Kilometer an Straßen, Hunderte von Stauseen und Mikrostauseen, die hauptsächlich der Landwirtschaft dienten, Wohnungen, mit mechanischen Melkanlagen ausgestattete Rinderfarmen, eine große Anzahl von Schulen, Tausende von Schulen und anderen sozialen Einrichtungen, sondern auch für den Energieverbrauch der Industrie und der Privatwohnungen. Die Elektrifizierung des Landes erreichte 95% der Bevölkerung. Es standen viele Ressourcuen zur Verfügung, und man kann sagen, daß wir nicht einmal fähig waren, diese mit der größtmöglichen Effizienz zu verwalten.

Jetzt haben wir sehr wohl dazugelernt. Im Zeitalter der fetten Kühe lernt man nicht viel dazu, während man jedoch im Zeitalter der dürren, und wirklich spindeldürren Kühe erheblich dazulernt. Aber wir haben viele Dinge getan, die uns diese Resultate in wirtschaftlichen, sozialen und anderen Bereichen, von denen ich gesprochen habe, erlaubt haben.

Unser Land nimmt auch den ersten Rang im Bildungssektor in bezug auf den Pro Kopf-Anteil an Lehrern ein. Kürzlich erstellte die UNESCO einen Bericht, der uns sehr befriedigte. In 14 Ländern Lateinamerikas, darunter auch die am weitesten entwickelten, wurde eine Umfrage unter 54.000 Kindern der dritten und vierten Klasse über ihre Mathematik- und Sprachkenntnisse durchgeführt und ein Durchschnittswert errechnet. Einige Länder bewegten sich unterhalb und einige oberhalb des Durchschnitts, doch Kuba nahm mit großem Abstand den ersten Rang mit einem fast doppelt so großen Wert wie der Durchschnitt für den Rest Lateinamerikas ein (Beifall). Bei allen Kennziffern wie dem Alter der Schüler pro Jahrgang, dem Zurückbleiben, den Nichtwiederholern und anderen Meßfaktoren für die Qualität der Grundausbildung nahmen wir ohne Ausnahme den Ehrenplatz ein, was unser Land als einzigstes in die Kategorie 1 einstuft.

Es gibt in Kuba sowohl eine große Masse von Lehrern, die mit jedem Jahr mehr Wissen und Erfahrung anhäufen, als auch eine große Masse von Ärzten, die ebenfalls Jahr für Jahr ihre Kenntnisse erweitern. Das trifft auch auf die Berufstätigen im Allgemeinen und auf viele andere Bereiche zu. Der Prozentsatz des Bruttoeinkommens, den wir in die Wissenschaft investieren, ist unvergleichlich höher als in den entwickeltsten Ländern Lateinamerikas. Wir verfügen über viele Tausende von Wissenschaftlern, von denen viele Postgraduiertendiplome und ständig wachsende Kenntnisse besitzen. Wir haben vieles gemacht und vor allem in das Humankapital investiert.

Was kann eine Gefahr darstellen? Ich sage das hier in aller Offenheit und bin bereit, es auch überall sonst auszusprechen. Ihr habt das Zeitalter der fetten Kühe erlebt (ihm wird gesagt, daß dies bereits lange Zeit zurückliegt), vor langer Zeit, einverstanden. 1972 betrug der Preis für ein Barrel Erdöl 1,90 Dollar. Kuba kaufte z.B. nach dem Sieg der Revolution mit dem Erlöß von nur wenigen Hunderttausend Tonnen Zucker die 4 Millionen Tonnen Bennstoffe, die es verbrauchte, und das bei dem damaligen normalen Weltmarktpreis für Zucker. Beim plötzlichen Anstieg der Ölpreise rettete uns der erwähnte Gleitpreismechanismus, aber als die Krise kam, löste sich die UdSSR auf und wir verloren damit unseren Hauptmarkt und jede Art von Preisvereinbarungen, so daß wir den Verbrauch von 13 Millionen Tonnen Bennstoff um die Hälfte reduzieren und einen Großteil unserer Exporterlöse für diese Brennstoffe aufwenden mußten. Zudem lernten wir, zu sparen.

Ich habe euch bereits von den Baseballspielern erzählt, aber ich kann hinzufügen, daß es in jeder Bauernhütte und in jedem Gehöft Baseballspieler gab, so daß die Spieler, Fans und sonstwer mit dem Traktor zum Spiel gekarrt wurden, und es gab sogar viele Arbeiter, die mit dem Traktor ihre Freundin besuchen fuhren (Lachen). Wir hatten die Zahl der Traktoren von 5.000 auf 80.000 erhöht.

Dem Volk gehörte alles und wir hatten zwar das System verändert, doch kaum gelernt, wie man dies alles kontrolliert und verwaltet und begingen zudem einige idealistische Fehler. Aber wir hatten mehr Dinge zu verteilen als wir es heute haben. Mehr als ein Besucher sagte, daß Kuba "die Armut sozialisiert" habe. Wir antworteten ihnen: "Ja, es ist besser, die Armut zu sozialisieren als die wenigen Reichtümer unter einer kleinen Minderheit zu verteilen, die alles an sich reißt, während der Rest des Volkes nichts erhält."

Heute sehen wir uns mehr denn je gezwungen, unsere Güter mit einer größtmöglichen Gleichheit zu verteilen. Trotzdem sind in unserem Land aufgrund von für uns unvermeidbaren Faktoren Privilegien entstanden, so z.B. durch Geldüberweisungen aus dem Ausland, den Tourismus und die Öffnung bestimmter Wirtschaftszweige für ausländische Investitionen. Diese Dinge haben uns die Aufgaben im politischen und ideologischen Bereich erschwert, weil die Ausstrahlungskraft des Geldes groß und nicht zu unterschätzen ist.

Wir mußten viel gegen all dies ankämpfen, aber wir haben die Schlußfolgerung gezogen, daß man in einem Glaskasten zwar in großer Reinheit und in absoluter Asepsis leben kann, beim Verlassen desselben aber von einer Mücke, einem Insekt oder einer Bakterie getötet werden kann, so wie die vielen Bakterien, Parasiten und Viren, welche die Spanier einschleppten, eine große Anzahl von Ureinwohnern in dieser Hemisphäre umbrachten, weil Ihnen die Immunität gegen diese Krankheitserreger fehlte. Wir sagten: "Wir werden lernen, unter schwierigen Bedingungen zu arbeiten, da die Tugend sich letztlich im Kampf gegen das Laster herausbildet." Und so mußten wir unter den momentanen Umständen vielen Problemen begegnen.

Ihr hattet eine Etappe von enormen Einnahmen, als der Ölpreis von 1,90 Dollar pro Barrel im Jahr 1972 über 10,41 Dollar im Jahr 1974, 13,03 Dollar im Jahr 1978 bis auf 29,75 Dollar im Jahr 1979 anstieg, bis er 1980 die unglaubliche Zahl von 35,69 Dollar erreichte. In den darauffolgenden 5 Jahren zwischen 1981 und 1985 betrug der Durchschnittspreis pro Barrel 30,10 Dollar, was einen wahrhaften Fluß von Deviseneinnahmen als Konsequenz dieses Preisniveaus hervorrief. Ich kenne die Geschichte dessen, was danach geschah, denn ich habe viele Freunde, die berufstätig sind und die ich bei jedem Zusammentreffen über ihre Situation, ihr Gehalt und die Entwicklung ihres Realeinkommens in den vorherigen 10 Jahren befragte. Ich war Zeuge dessen, wie sie Jahr für Jahr bis heute abgerutscht sind. Es steht mir nicht zu, eine andersartige Analyse vorzunehmen. Immer wenn ich den Venezolanern diese Frage stellte, dachte ich an die Situation ihres Landes. Weder für Venezuela noch für die Welt sind dies heutzutage Zeiten der fetten Kühe. Ich erfülle eine aufrichtige Pflicht, eine Pflicht als Freund und Bruder, wenn ich euch vorschlage, eine mächtige intellektuelle Vorhut zu bilden und fundiert über diese Probleme nachzudenken und wenn ich euch unsere Besorgnis darüber ausdrücke, daß diese logische, natürliche und allzumenschliche Hoffnung, die aus einer Art von politischem Wunder, das sich in Venezuela ereignet hat, geboren wurde, innerhalb von kürzester Zeit in Enttäuschungen und eine Schwächung dieses außergewöhnlichen Prozesses umschlagen kann (Beifall).

Ich muß mich fragen: Welche unmittelbaren Großtaten und ökonomischen Wunder kann man angesichts der niedrigen Preise für die wichtigsten Exportgüter Venezuelas und einem Ölpreis von 9 Dollar pro Barrel erwarten, das heißt angesichts des niedrigsten Ölpreises der letzten 25 Jahre, einem Dollar mit sehr viel weniger Kaufkraft als damals, einer sehr viel größeren Bevölkerung, einer ungeheuren Anhäufung von sozialen Problemen, einer internationalen Wirtschaftskrise und einer neoliberal globalisierten Welt?

Ich kann und darf nicht ein Wort darüber verlieren, was wir angesichts solcher Umstände machen würden. Ich kann dies nicht tun, da ich mich hier als Besucher und nicht in einer Eigenschaft als Ratgeber, Gutachter oder etwas ähnlichem aufhalte. Ich denke schlicht und einfach nach.

Erlaubt mir zu sagen, daß ich keine Länder erwähnen will, doch es gibt eine Reihe von sehr bedeutenden Ländern mit einer schwierigeren Situation als die eure und ich hoffe, daß sie die Schwierigkeiten überwinden können.

Eure Situation ist schwierig, aber nicht katastrophal. So würden wir es an eurer Stelle sehen. Ich will euch mit der gleichen Offenheit darüberhinaus noch etwas sagen, nämlich daß ihr nicht das machen könnt, was wir im Jahr 1959 machten. Ihr müßt sehr viel mehr Geduld haben als wir, und ich beziehe mich hierbei auf den Teil der Bevölkerung, der begierig nach unmittelbaren und radikalen sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen ist.

Würde die Kubanische Revolution in einem Moment wie diesem gesiegt haben, hätte sie sich nicht halten können. Die gleiche Kubanische Revolution mit dem, was sie tat. Sie entstand nicht als Produkt eines Kalküls, sondern aus einer besonderen geschichtlichen Konstellation, 14 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in einer bipolaren Welt. Wir kannten damals nicht einen Sowjetrussen und erhielten nicht eine einzige Patrone von einem Sowjetrussen, um unseren Kampf und unsere Revolution voranzubringen. Ebensowenig erlaubten wir irgendeine politische Beratung nach dem Sieg der Revolution, was auch niemand je versuchte, denn wir reagierten sehr widerspenstig darauf. Besonders uns Lateinamerikanern gefällt es nicht, wenn uns Ideen und andere Dinge vorgeschlagen oder aufgezwungen werden. Zur damaligen Zeit gab es selbstverständlich einen anderen Machtpol und wir warfen unseren Anker in diesen Pol, der eben auch aus einer großen sozialen Revolution entstanden war. Dieser Anker half uns viel im Kampf gegen das Monster, dem wir entgegenstanden und das bereits unmittelbar nach der Durchführung der Agrarreform die Lieferungen von Erdöl und anderen lebenswichtigen Produkten abschnitt und seine Zuckerimporte schrittweise bis auf Null reduzierte, wodurch wir innerhalb von Minuten einen Markt verloren, der sich in einem Zeitraum von mehr als hundert Jahren herausgebildet hatte. Die Russen verkauften uns dagegen Erdöl zum Weltmarktpreis, jawohl, zu bezahlen mit Zucker, jawohl, zum Weltmarktpreis, jawohl. Der Zucker wurde in die UdSSR exportiert und es kamen das Erdöl, Rohstoffe, Nahrungsmittel und viele Sachen mehr. Dies gab uns Zeit, um Bewußtsein zu bilden, Ideen zu säen und eine neue politische Kultur zu schaffen (Beifall). Dies gab uns Zeit! Genügend Zeit, um die Stärke herauszubilden, die es uns später erlaubte, in den mit unglaublichsten Schwierigkeiten behafteten Zeiten zu widerstehen.

Auch der ganze Internationalismus, den wir praktizierten und den ich bereits erwähnte, gab uns Kraft.

Ich glaube, daß kein Land jemals schwierigere Umstände durchlebt hat. Es ist keine Eitelkeit, wenn ich euch sage, wobei ich versuche, objektiv zu sein, daß kein anderes Land der Erde widerstanden hätte. Es kann durchaus eines geben, wenn ich zum Beispiel an die Vietnamesen denke, denn ich glaube, daß die Vietnamesen zu jedem Widerstand fähig waren (Beifall). Ich denke an die Chinesen, die ebenfalls zu jeder Großtat fähig waren.

Die Rede dauerte über 4 Stunden. Für die Übersichtlichkeit ist Sie hier auf unterschiedliche Seiten verteilt.

Vorwort

Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5