Fidel Castro

Aula Magna der Zentraluniversität von Venezuela vor venezulanischen Studenten - Teil 3

"Verurteilt mich, die Geschichte wird mich freisprechen "

(Fidel Castro, Moncada-Prozess, Oktober 1953)


Rede in der Aula Magna der Zentraluniversität von Venezuela vor venezulanischen Studenten am 03.02.1999

Teil 3

Vor 30 Jahren sprach fast niemand dieses Thema an. Heute ist es zu einer lebenswichtigen Fragestellung für das Menschengeschlecht geworden. Ich will nicht noch mehr Zahlen nennen. Ich glaube, daß diese Daten ausreichen, um ein System zu beurteilen, das die Führungsrolle anstrebt, um ihm 100 Punkte, 90, 80, 50, 25 oder vielleicht weniger als 25 zu geben. Alles kann man auf sehr einfache Art beweisen. Die verheerenden Ergebnisse dieses Systems können als offenkundige Wahrheiten begriffen werden.

Angesichts dessen fragen sich viele, was zu tun ist. Nun gut, die Europäer haben ihr Rezept erfunden und sind jetzt dabei, sich zu vereinigen. Sie haben von einer gemeinsamen Währung gesprochen, sie haben sie beschlossen und sie kommt jetzt bereits zur Anwendung. Sie genießen dabei große Sympathie seitens der Vereinigten Staaten, wie es die Sprecher dieses Landes erklärt haben, die genauso groß wie heuchlerisch sind (Lachen), weil wir doch alle wissen, daß sie am liebsten hätten, daß der Euro komplett baden geht. Währenddessen behaupten sie: "Eine großartige Sache, der Euro ist sehr gut, eine ausgezeichnete Idee". Nun gut, das ist Europa - reich, entwickelt und mit einem jährlichen Brutto-Pro-Kopf-Einkommen, das in einigen Ländern bei 20.000 Dollar liegt und in anderen 25.000 oder 30.000 erreicht. Vergleicht sie dazu nur einmal mit Ländern unserer Welt, die es auf 500, 600 oder 1.000 bringen.

Was sollen wir tun? Das ist eine Frage, die wir uns innerhalb dieses Szenarios stellen müssen in einem Augenblick, in dem sie uns verschlingen wollen. Es sollte keiner Zweifel daran haben, daß sie uns verschlingen wollen, und wir dürfen nicht auf ein weiteres Wunder hoffen, so wie jenes, als man einen Propheten aus dem Bauch eines Wals geholt hat (Lachen), weil der Wal an unserer Seite uns nämlich auch vollständig in aller Schnelle verdauen wird, wenn er uns erst einmal verschluckt hat.

Ja, das ist unser Kontinent und wir reden hier in keinem bedeutenderen Land als Venezuela - in dem ruhmreichen Land, in dem Bolívar geboren wurde, in dem Bolívar träumte (Beifall) von der Einheit unserer Länder, die er ersann und an der er arbeitete, zu einer Zeit, als ein Pferd drei Monate brauchte, um von Caracas nach Lima zu kommen. Damals gab es keine Handys, keine Flugzeuge, keine Landstraßen, keine Computer - nichts von alledem. Und trotzdem nahm er bereits die Gefahr wahr, die von jenen Kolonien ausgehen könnnte, die gerade erst dort im fernen Norden ihre Unabhängigkeit erlangt hatten. Er sah dies voraus, er war ein Prophet. "Die Vereinigten Staaten scheinen von der Vorsehung dazu bestimmt zu sein, Amerika mit Unglück im Namen der Freiheit zu überziehen", wie er einmal sagte. Er verbreitete die Idee der Einheit unserer Völker und kämpfte dafür bis zu seinem Tod. Was damals ein Traum war ist heute von vitaler Notwendigkeit (Beifall).

Welche Lösungen kann es unserer Meinung nach geben? Sie sind schwierig, sehr schwierig. Die Europäer haben, wie ich bereits sagte, ihren Weg entworfen und befinden sich in starker Konkurrenz zu unserem Nachbarn im Norden. Das ist glasklar - eine sehr starke und wachsende Konkurrenz. Die Vereinigten Staaten wollen nicht, daß irgendjemand ihre Interessen stört in diesem Kontinent, den sie als den ihren betrachten. Sie wollen absolut alles für sich. China bildet auf der anderen Seite im Fernen Osten eine riesige Nation. Japan ist ein mächtiger Industriestaat.

Da ich denke, daß die Globalisierung ein unumkehrbarer Prozeß ist, und daß das Problem nicht bei der Globalisierung liegt, sondern bei dem Typ von Globalisierung, scheint es mir, daß es auf diesem schwierigen und harten Weg, für den die Völker von meinem Standpunkt aus gesehen wirklich nicht viel Zeit haben, zu Vereinigungen, Beschlüssen, regionalen Integrationen kommen muß und die Lateinamerikaner sind beinahe diejenigen, die sich am meisten beeilen müssen bei dem Kampf um die Integration. Aber nicht nur um die Integration Lateinamerikas, sondern die Integration von Lateinamerika und der Karibik (Beifall). Da sind unsere anglophonen Brüder der Karibik, die winzigen Länder des CARICOM, die gerade einmal seit ein paar Jahren unabhängig sind und sich mit beeindruckender Würde verhalten haben.

Das sage ich wegen des Verhaltens gegenüber Kuba. Als alle in Lateinamerika auf Druck der Vereinigten Staaten die Beziehungen zu uns unterbrachen, alle mit Ausnahme von Mexiko, waren es die Karibikstaaten, die nach einigen Jahren zusammen mit Torrijos die Bresche schlugen und dafür kämpften, die Isolierung Kubas aufzubrechen bis zum heutigen Tag, wo Kuba bereits zu der großen Mehrheit der lateinamerikanischen und karibischen Ländern Beziehungen unterhält (Beifall). Wir kennen sie und schätzen sie, sie dürfen nicht in Vergessenheit geraten, sie dürfen nicht in den Händen der Welthandelsorganisation mit seinen Beschlüssen zurückbleiben. Sie dürfen nicht den transnationalen US-Bananenunternehmen ausgeliefert werden, die versuchen, ihnen die kleinen Präferenzen zu entreißen, die sie so sehr brauchen. Diese Welt kann man nicht in Ordnung bringen, in dem man alles platt macht - das ist die Yankee-Methode, alles mit der Wurzel auszureißen.

Mehrere dieser Länder leben von ihren Pflanzungen, sie produzieren nur 1% der Bananen, die gehandelt werden, maximal 2%. Das ist nichts. Und die Regierung der Vereinigten Staaten hat zum Schutz eines transnationalen US-Unternehmens, das Pflanzungen in Mittelamerika besitzt, Beschwerde vor der Welthandelsorganisation eingereicht und obendrein auch noch gewonnen. Jetzt sind die Karibikländer sehr besorgt, weil man ihnen auf diesem Weg die Präferenzen wegnimmt und weil man versucht, das Lomé-Abkommen auszuhebeln, kraft dessen sie als ehemalige Kolonien und Länder, die verzweifelt Mittel zur Entwicklung benötigen, einige minimale Präferenzen genießen, und es ungerecht wäre, sie ihnen wegzunehmen.

Man kann nicht alle Länder mit sehr verschiedenen Entwicklungsniveaus gleich behandeln. Man kann die Ungleichheiten nicht leugnen. Es gibt kein einheitliches Rezept für alle. Man kann nicht einen einzigen Weg aufzwingen. Und Formeln zur Regulierung und Entwicklung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen taugen nichts, wenn sie ausschließlich den Reichsten und Mächtigsten dienen. Sowohl der Währungsfonds als auch die Welthandelsorganisation wollen alles niedermachen.

Die OECD, ein exklusiver Club der Reichen, war dabei, praktisch insgeheim ein multilaterales Abkommen über supranationale Investitionen auszuarbeiten, um Gesetze bezüglich ausländischer Investitionen zu schaffen - sagen wir eine Art Helms-Burton-Gesetz auf Weltebene. Klammheimlich hatten sie es schon fast vollständig ausgearbeitet, bis sich eine nicht-regierungsgebundene Organisation eine Kopie des Projekts besorgte, sie ins Internet stellte und somit aller Welt zugänglich machte. Es kam daraufhin zu einem Skandal in Frankreich, das das Abkommensprojekt ablehnte, sie lehnten jenes Abkommen ab - offensichtlich hatten sie dem, was in der OECD zusammengebräut wurde, nicht viel Beachtung geschenkt. Ich glaube, daß später die Australier dasselbe gemacht haben und das Projekt, das so geheim ausgearbeitet worden war, wurde verrissen. Auf diese Weise planen sie und arbeiten bedeutende und entscheidende internationale Abkommen aus.

Anschließend legen sie es auf den Tisch, damit wer will es unterschreiben kann und wer dies nicht will, weiß dann, was ihm blüht (Lachen).

Sie haben kein Wort mit den Ländern diskutiert, die so unumgängliche Vorschriften anwenden mußten. So werden wir behandelt. So wird mit den vitalsten Interessen unserer Völker umgegangen.

Sie werden damit weitermachen. Wir werden die Augen weit offen halten müssen und vor diesen Institutionen stets auf der Hut sein. Man muß festhalten, daß die große Falle, die sie uns stellen wollten, für den Moment verhindert wurde. Aber sie werden auch weiterhin Dinge erfinden, die unsere Lebensbedingungen noch schwieriger gestalten werden. Es ging nicht mehr nur darum, uns gegeneinander konkurrieren zu lassen, weshalb alle verzweifelte Konzessionen auf allen Gebieten eingeräumt hatten. Mit dem multilateralen Investitionsabkommen beabsichtigte man, zu den Bedingungen, die ihnen paßten, zu investieren unter Achtung, wenn ihr so wollt, der Umwelt oder aber unter Vergiftung aller Flüsse irgendeines Landes und der Zerstörung der Natur, ohne daß niemand etwas von ihnen fordern könnte. Trotzdem sind wir Länder der Dritten Welt in der Welthandelsorganisation in der Mehrheit und können für unsere Interessen kämpfen, wenn wir es schaffen, zu verhindern, daß sie uns täuschen und uns teilen. Kuba konnte nicht ausgeschlossen werden, da es vom Gründungstag an Mitglied war. Die Chinesen will man nicht reinlassen - wenigstens leistet man ihnen ganz schönen Widerstand (Lachen). Die Chinesen unternehmen große Anstrengungen, um in die WTO aufgenommen zu werden, weil man einem Land, das nicht dieser Institution angehört, eine Zollgebühr von 1.000 zu 100 erheben oder seine Exporte komplett blockieren kann. Die reichsten Länder stellen die Regeln auf und geben die Bedingungen vor, die ihnen am meisten zusagen.

Was sagt ihnen zu? Was streben sie an? Daß es eines Tages keine Zolltarife mehr gibt. Das gehört mit zu dem Traum, daß sie für ihre Investitionen dem nationalen Fiskus keine Steuern zahlen müssen oder mittels Knüppelkonzessionen, die sie der unterentwickelten, um Investitionen buhlende Welt entrissen haben, einige lange Jahre Steuerbefreiung genießen. Das ist ein Freirecht, wodurch sie ohne jede Einschränkung mit ihren Investitionen in unseren Ländern machen können, was sie wollen. Freier Kapital- und Warenfluß auf der ganzen Welt, natürlich mit der Ausnahme der Ware, die man Menschen der Dritten Welt nennt - der moderne Sklave, die billige Arbeitskraft, von dem es so viele auf unserem Planeten gibt und der die Freihandelszonen in seinem eigenen Land überschwemmt oder Straßen kehrt, Obst und Gemüse erntet und die mühsamsten und am schlecht bezahltesten Arbeiten verrichtet, wenn man ihn legal oder illegal in den alten Konsumstädten und -gesellschaften duldet.

Das ist der Typ globaler Kapitalismus, den man uns aufzwingen will. Unsere mit Freihandelszonen zugepflasterten Länder hätten dabei nur die mageren Gehälter derjenigen, die das Privileg haben, Arbeit zu finden, während eine Menge Multimillionäre Reichtümer über Reichtümer anhäufen, von denen man nicht einmal weiß, wie weit sie sie noch steigern werden.

Die Tatsache, daß ein US-Bürger, ganz egal wie talentiert und klug er auf technischem Gebiet und beim Verhandeln auch immer sein mag, ein Vermögen von 64 Milliarden Dollar besitzt, was dem jährlichen Einkommen von mehr als 150 Millionen Menschen aus den ärmsten Ländern entspricht, ist und bleibt schrecklich ungleich und ungerecht. Daß dieses Kapital sich in einigen wenigen Jahren angehäuft hat, weil sich alle drei oder vier Jahre der Wert der Aktien der großen US-Unternehmen kraft des Spiels der Börsengeschäfte verdoppelt hat, die den Wert des Anlagevermögens bis ins Unendliche aufblähen, zeigt eine Wirklichkeit, die nicht vernünftig, nachhaltig und erträglich ist. Jemand muß für all das zahlen - das ist die Welt mit astronomischen Zahlen von Armen und Hungernden, Kranken, Analphabeten und Ausgebeuteten, die unsere Erde bevölkern.

Welches Jahr 2000 werden wir feiern? In welch einem neuen Jahrhundert werden wir leben? Nebenbei gesagt geht dieses Jahrhundert nicht am 31. Dezember zuende. Die Leute haben sich betrogen, weil sie das so wollten, weil das letzte Jahr dieses Jahrhunderts tatsächlich das Jahr 2000 und nicht etwa 1999 ist (Beifall). Trotzdem wird es Feiern geben und ich denke, daß einige ganz besonders zufrieden sein werden mit den Feiern am 31. Dezember 1999 und am 31. Dezember 2000, und diejenigen, die Süßigkeiten, Getränke, Weihnachtsgeschenke, Weihnachtsmänner und all diese Sachen verkaufen, einen großes Geschäft machen in zwei Jahren des Jahrhundertwechsels anstatt nur einem (Lachen). Frankreich wird mehr Champager als je zuvor verkaufen.

Ich bleibe ruhig. Bereits den Jahreswechsel, der uns das Jahr 1999 beschert hat, habe ich damit zutragen müssen, eine Rede zu schreiben, was gewisse Vorteile hat, weil es einem dadurch nicht in den Sinn kommt, zusätzliche Argumente und Themen aufzugreifen und man sich strikt an das hält, was man sich vorgenommen hat. Damit war ich um 24.00 Uhr an diesem 31. Dezember beschäftigt. Aber ich war zufrieden, wir waren dabei, 40 Jahre einer Revolution rundzumachen, die man nicht besiegen konnte (längerer Beifall). Was soll ich euch sagen, ich war wirklich glücklich.

Die Welt wird das 21. Jahrhundert erwarten und dabei werden einige Menschen unter den Brücken von New York leben, eingewickelt in Papier, während andere aus riesigen Vermögen schöpfen. In diesem Land gibt es viele Milliardäre, aber unvergleichlich mehr leben unter Brücken, in Häusereingängen oder in verfallenen Wohnungen. Millionen Menschen in den USA selbst leben in kritischer Armut, was die fanatischen Verteidiger der Wirtschaftsordnung nicht mit Stolz erfüllen kann, die der Menschheit aufgezwungen wurde.

Vor einigen Tagen sprach ich mit einer Delegation aus den USA, die uns in Kuba besucht hat. Es waren wirklich informierte, freundschaftliche und herausragende Personen. Es gab auch Priester und Wissenschaftler in dieser Gruppe. Sie erzählten mir, daß sie in der Bronx den Bau eines Kinderkrankenhauses förderten. Daraufhin fragte ich sie: "Gibt es denn in der Bronx kein einziges Kinderkrankenhaus?" Ihre Antwort: "Nein". "Und wieviele Kinder gibt es in der Bronx?", fragte ich sie. Sie antworteten: "Vierhunderttausend Kinder". Das heißt also, daß es dort, in einer Stadt wie New York, 400.000 Kinder gibt, viele von ihnen von puertorikanischer Herkunft, vor allem Hispanos und Schwarze, die kein Kinderkrankenhaus haben.

Aber noch etwas verrieten sie mir: "Es gibt 11 Millionen US-amerikanische Kinder, die keinen Krankenversicherungsschutz haben". Dazu muß man sagen, daß es sich im allgemeinen um farbige Kinder, Mischlinge, Indianer oder Einwandererkinder lateinamerikanischer Herkunft handelt. Glaubt nicht, daß in dieser Gesellschaft die Diskriminierung nur mit der Hautfarbe zu tun hat, nein, nein, nein. Ganz egal ob schwarzhaarig oder blond, Frauen oder Männer, oft wird man einfach nur deshalb verachtet, weil man Lateinamerikaner ist (Beifall).

Als ich mich damals einmal in diesem Land aufhielt und in eine Cafeteria ging oder in einem dieser Motels am Rande der Landstraßen abstieg, bin ich mehr als einmal herablassend behandelt worden. Fast wären sie wütend geworden, als ein Latino dort abstieg. Ich hatte den Eindruck, daß es in dieser Gesellschaft viel Haß gab.

Die 11 Millionen Kinder ohne gesicherte medizinische Betreuung gehören zum großen Teil diesen Minderheiten an, die es in den Vereinigten Staaten gibt. Das sind diejenigen, die die höchsten Kindersterblichkeitsraten aufweisen. Ich fragte sie, wie hoch sie in der Bronx wäre, und sie sagten mir, daß sie glaubten, sie läge um die 20 oder 21 im ersten Lebensjahr, und daß es noch andere schlechtere Ergebnisse gäbe - in Washington selbst weiß ich nicht, wie hoch sie ist -, und daß in Gebieten mit spanisch-amerikanischen Einwanderern 30 oder mehr stürben. Das ist keine gleichmäßige Verteilung.

Ihre Kindersterblichkeitsrate liegt über der Kubas. Das Land, über das eine Blockade verhängt wurde, dem der Krieg erklärt wurde und dem 3.000 Ärzte gestohlen wurden, weist heute eine Kindersterblichkeitsrate von nur 7,1 pro 1.000 Lebendgeborenen im ersten Lebensjahr auf (Beifall). Unsere Kennziffern sind besser und das Niveau ist auf Landesebene ziemlich ähnlich. In einigen Provinzen liegt die Rate bei 6 - und das nicht einmal in der Hauptstadt. In anderen Provinzen liegt sie um die 8, aber sie bewegt sich innerhalb dieser Spanne von zwei oder drei Punkten Unterschied im Vergleich zum landesweiten Durchschnitt, weil es eine wirklich flächendeckende medizinische Versorgung gibt, in deren Genuß alle Gesellschaftsschichten und Regionen kommen.

Seit Beginn der Spezialperiode konnten wir in diesen schrecklichen acht Jahren trotzdem diese Rate von 10 auf 7,1 senken - das Ergebnis von 1998 (Beifall). Eine Verringerung um 30% trotz der Tatsache, wie ich euch sagen muß, daß als diese schwierige Prüfung mit dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers und vor allem der UdSSR begann, mit dem wir den größten Teil unseres Handels abwickelten, und während sich andereseits der Wirtschaftskrieg der Vereinigten Staaten gegen Kuba verschärfte, hatte sich z.B. trotz vieler Anstrengungen, die wir unternahmen, der tägliche Kalorienverbrauch pro Kopf von 3.000 auf 1.863, bzw. der tägliche Verbrauch von pflanzlichen oder tierischen Proteinen von 75 Gramm auf zirka 46 Gramm verringert. Oh, u.a. wesentlichen Dingen aber wurde der Liter Milch sehr billig und subventioniert für alle Kinder bis 7 Jahre um jeden Preis aufrechterhalten (Beifall).

Wir haben uns so arrangiert, damit wir die am Verletztbarsten unterstützen konnten. D.h. im Falle einer schweren Dürre oder einer anderen Naturkatastrophe alle zu schützen, aber besonders Kinder und ältere Menschen, und dafür einige Mittel woher auch immer zu beschaffen.

Zu den Fortschritten unserer Revolution inmitten der Spezialperiode zählt die Schaffung einer Zahl von neuen Wissenschaftsinstituten großer Bedeutung. Unser Land stellt 90% der Medikamente, die es verbraucht, selbst her, wenn es auch bestimmte Rohstoffe einführen muß und sie aus fernen Ländern beschaffen muß. Es gibt einen Mangel an Medikamenten, das will ich gar nicht bestreiten, aber es wurde das Möglichste unternommen, damit die grundlegendsten Arzneimittel niemals fehlen - eine zentrale Reserve, falls eines Tages einmal eines ausfallen oder ausgehen sollte. Wir versuchen außerdem, eine zweite einzurichten. Das sind vorausschauende Maßnahmen, weil man diejenigen schützen muß, die am meisten Probleme haben könnten. Natürlich ist es auch möglich, Medikamente von Familienangehörigen aus dem Ausland zu empfangen. Dazu stellen wir die Bedingungen bereit. Dafür wird absolut nichts in Rechnung gestellt. Dafür muß man nichts zahlen. Wir arbeiten aber weiterhin daran, daß der Staat diese Mittel unserer gesamten Bevölkerung zur Verfügung stellen kann.

Trotz besagter Lebensmittelrationierung konnten wir die Kindersterblichkeitsrate, wie ich bereits sagte, um 30% senken. Wir konnten die Lebenserwartung halten und sogar erhöhen. Auf der anderen Seite wurde keine einzige Schule geschlossen (Beifall), es wurde keine einzige Lehrerstelle gestrichen - im Gegenteil: die pädagogischen Hochschulen stehen allen offen, die sich immatrikulieren wollen (Beifall).

Damit es keine Mißverständnisse gibt, muß ich darauf hinweisen, daß wir nicht genauso mit allen Studiengängen verfahren konnten. In Medizin mußten wir bereits gewisse Zusatzbeschränkungen einführen. Gleichzeitig versuchen wir aber die Medizinstudenten besser vorzubereiten, mit mehr Qualität, weil wir in unserm Kampf gegen den Nachbarn viele Mediziner ausgebildet und ihnen sogar die Erlaubnis erteilt haben, auszuwandern, wenn sie dies wünschten. Im Laufe des Kampfes konnten wir 21 Medizinfakultäten errichten (Beifall).

Gerade jetzt bieten wir jungen Mittelamerikanern 1.000 Stipendien an, damit sie in unserem Land zu Ärzten ausgebildet werden (Beifall), wozu während 10 Jahren noch 500 zusätzliche Stipendien jährlich kommen. Wir sind im Begriff, eine lateinamerikanische Medizinische Fakultät zu schaffen (Beifall und Ausrufe). Durch die eingeleiteten Ausgabenkürzungen, trotz der uns bedrohenden Gefahren sogar im Verteidigungsetat, werden die neuen Gebäude einer ausgezeichneten Akademie zur Ausbildung von Kapitänen und Schiffahrtstechnikern, sowohl aus dem zivilen als auch aus dem militärischen Bereich, die in ein anderes Gebäude umziehen, für die neue Medizinische Fakultät zur Verfügung gestellt. Im März wird sie fertiggestellt sein und die ersten Studenten aus Mittelamerika werden für einen sechsmonatigen medizinischen Vorbereitungskurs erwartet, um ihre Kenntnisse aufzufrischen und akademisches Massensterben zu verhindern. Im September werden mehr als 1.000 Jugendliche aus Mittelamerika ihr erstes Studienjahr in Medizin aufnehmen (Beifall). Ich weiß nicht, ob ich hinzufügen muß, daß es absolut kostenlos ist (Beifall).

Vielleicht - und versteht das nicht falsch als Werbung für Kuba, es hat vielmehr mit den Ideen zu tun, die ich vorschlage, was man mit sehr wenig bewerkstelligen kann - sollte ich euch sagen, daß wir den mittelamerikanischen Ländern, die von dem Hurrikan Mitch betroffen wurden, 2.000 Ärzte angeboten haben (Beifall). Wir haben ihnen versichert, daß unser medizinisches Personal bereit ist, daß wenn ein oder mehrere entwickelte Länder - und es gab schon bestimmte Antworten - die Medikamente lieferten, wir in Mittelamerika jedes Jahr - denkt einmal - jedes Jahr! - soviele Leben retten könnten, wie der Hurrikan gefordert hat, wenn wir von einer Opferzahl von nicht weniger als 30.000 Menschen durch den Hurrikan ausgehen, wie bereits gesagt, und daß davon rund 25.000 Kinder sein würden.

Wir haben nachgerechnet und die Medikamente, um ein Kind zu retten, kosten oftmals Pfennigbeträge. Was man mit keinem Geld bezahlen kann ist der Arzt, der in einem Bewußtsein ausgebildet wurde, das ihn in den Bergen arbeiten läßt (Beifall), in den entlegendsten Gebieten, in Sumpfgebiet, die von sovielen Insekten wimmeln, wie es nur geben kann, Schlangen, Moskitos und einigen Krankheiten, die es in unserem Land nicht gibt - und keiner von ihnen zweifelt dabei. Die große Mehrheit der Ärzte, die sich freiwillig für diese Aufgabe gemeldet haben, stehen bereit und es gibt in diesem Augenblick bereits zirka 400, die in Mittelamerika und in Haiti arbeiten, dem wir nach dem Hurrikan Georges das gleiche Angebot gemacht haben. Dort befinden sich ungefähr 250 Ärzte.

In Haiti liegt der Prozentsatz an Leben, das man retten könnte, noch höher, weil die Kindersterblichkeit in den ersten Lebensjahren 130 oder 132 beträgt, d.h. wenn man sie auf 35 senken würde - und in unserem Land weiß man auswendig, wie das geht - könnten jedes Jahr rund 100 Kinder pro 1.000 Lebendgeborenen gerettet werden. Daher ist das Potential größer. Es gibt dort 7,5 Millionen Einwohner, eine sehr hohe Geburtenrate, weswegen ein Arzt dort mehr Leben retten kann. In Mittelamerika liegt der Durchschnittswert in den vom Hurrikan verwüsteten Ländern zwischen 50 und 60 - das ist fast die Hälfte des Potentials von Leben, die man retten kann.

Ich muß euch sagen, daß dies vorsichtige Rechnungen sind, es gibt eine Spanne oberhalb der erwähnten Zahlen und eine Überlegung: Wir wollen unsere Ärzte nicht in den Städten, wir wollen sie nicht auf dem Asphalt, weil wir nicht wollen, daß sich irgendein Arzt in diesen Ländern auf irgendeine Weise bedrängt fühlt durch die Gegenwart der kubanischen Ärzte, weil sie ihren Dienst in jenen Gebieten leisten werden, wo es keinen Arzt gibt und wo keiner hinmöchte. Im Gegenteil - wir haben die besten Beziehungen, die beste Zusammenarbeit zu den Ärzten vor Ort - ganz gleich, ob es sich um einen Privatarzt handelt oder nicht. Wenn sie einen Patienten übernehmen wollen, sollen sie ihn übernehmen.

Wir haben gesagt, daß die Zusammenarbeit mit den Ärzten unverzichtbar ist, wie auch die Zusammenarbeit mit allen Bereichen. Unsere Ärzte gehen nicht dorthin, um politische Ideen zu predigen, sie erfüllen dort eine humanitäre Mission, das ist ihre Aufgabe. Genauso wie die Zusammenarbeit mit Priestern und Pastoren, denn es gibt viele von ihnen, die ihre Mission in abgelegenen Gebieten erfüllen. Einige unserer ersten Ärzte übernachteten in Pfarrgebäuden.

So arbeiten sie tatsächlich in guter Koordinierung, was uns sehr mit Freude erfüllt. Sie arbeiten in unwegsamem Gelände, wo es Indios gibt, die ihre eigene Sprache mit großer Würde sprechen, sowie Bauern, die in Dörfern wohnen, in denen die Arbeit einfacher ist als in Kuba selbst, weil sie in unserem Land einsam in den Bergen wohnen und der Arzt ihnen regelmäßig einen Hausbesuch abstatten muß - normalerweise hat er dabei weit zu Fuß zu gehen. Ein Dorf dagegen kann bis zu drei Mal am Tag abgegangen werden.

Dort wird ein Programm durchgeführt, das ein deutlicher Beweis dafür ist, was man mit geringem materiellem Aufwand leisten kann - und das wichtigste - das wissen jene Gentlemen nicht, die Herren, die die Finanzinstitute leiten, die ich erwähnt habe - ist, daß es ein Kapital gibt, daß viel mehr wert ist als alle ihre Millionen - das ist das menschliche Kapital (Beifall).

Jeden Tag treffe ich einen dieser Gehilfen von Bill Gates, den Computerchampion, und ich frage ihn: Könnten sie einmal schätzen, wieviele US-Amerikaner im Ausland Dienst geleistet haben, seitdem die Friedenkorps ins Leben gerufen wurden?, um zu sehen, ob es zufällig mehr sind als die Anzahl der Kubaner, die das getan haben als Frucht des großzügigen und solidarischen Geistes dieser Insel und dieses Volkes, das so sehr verleumdet und ignoriert wird und gegen das ein Krieg geführt wird, der nicht einmal gegen die Faschisten der Apartheid geführt wurde - damit meine ich den Wirtschaftskrieg. Ich kenne anständige US-Amerikaner, selbstlose Menschen. Ich kenne sie. Es ist ein großes Verdienst, daß dort, wo das System nur Egoismus und das Gift des Individualismus sät, es aus dem einen oder anderen Grund viele selbstlose Menschen gibt. Ich achte diese US-Amerikaner. Ich habe einige von ihnen kennengelernt, die in den Friedenkorps waren. Aber ich bin sicher, daß sie seitdem sie gegründet wurden, nicht soviel mobilisieren konnten wie Kuba.

Als in Nicaragua einmal 1.000 Lehrer gebraucht wurden - danach waren es ein bißchen mehr - baten wir um Freiwillige und es meldetetn sich 30.000. Als dann die Banden des schmutzigen Krieges gegen die Sandinisten, die von den USA aufgebaut und ausgestattet wurden, einige unserer Lehrer umbrachten - sie waren nicht in den Städten, sondern in den entlegendsten Winkeln des Landes und lebten unter den Bedingungen, in denen die Bauern lebten - haben sich 100.000 gemeldet (Beifall). Das meine ich damit! Ich muß noch hinzufügen, daß die Mehrheit derjenigen, die dorthin gereist sind, Frauen waren, weil die Frauen in diesem Beruf die Mehrheit stellen (Beifall).

Daher spreche ich von Idealen, deswegen spreche ich von Bewußtsein, deswegen glaube ich an das, was ich sage, deswegen glaube ich an den Menschen, denn wenn so viele unserer Landsleute in diese Region gereist sind oder bereit waren, zu reisen, hat sich gezeigt, daß das Bewußtsein und die Idee der Solidarität und des Internationalismus viele Menschen erreichen können (Beifall).

Um die Idee zuendezuführen. Ich habe euch ja bereits gesagt, daß sie uns die Hälfte der Ärzte wegnahmen und mehr als die Hälfte der Dozenten der einzigen Medizinischen Fakultät, die es in Kuba gab. Wir haben uns der Herausforderung gestellt. Es gibt nichts Größeres als eine Herausforderung und Kuba verfügt heute über 64.000 Ärzte - ein Arzt auf 176 Einwohner (Beifall). Das sind zwei Mal soviele Ärzte pro Kopf, wie in dem am weitesten industrialisierten Land der Ersten Welt. Was ich euch nicht gesagt habe, ist daß seit Beginn der Spezialperiode bis heute 25.000 neue Ärzte in das Gesundheitssystem eingegliedert wurden - vor allem in die Gemeinden im ganzen Land, in Städten, auf dem Land, den Flachebenen und in den Bergen. Das nennt man Humankapital!

Der Mensch kann viel einfacher erorbert als gekauft werden (Beifall). Es ist glücklicherweise viel einfacher, ihn zu erobern, weil die Exekutive der Vereinigten Staaten mit ihrer sogenannten Flexibilisierung der Blockade, die in Wirklichkeit die ganze Welt an der Nase herumführt, praktisch vorgeschlagen hat, daß jeder US-Amerikaner einen Kubaner kauft (Lachen). Ich meine: Nun gut, unser Preis wird höher (Lachen), weil 27 US-Amerikaner auf jeden Kubaner kommen. Dieser Regierung ist nach all dem, was es gegen unser Land unternommen hat und nach der Verschärfung ihres Wirtschaftskrieges unter dem Druck der extremen Rechten, ein letzter Einfall gekommen: Zu schauen, wie sie uns einem nach dem anderen kaufen (Lachen). Aber nicht mehr nur einen Minister oder eine andere Führungspersönlichkeit aus der Staatsverwaltung oder einen Politiker, sondern den ganz gewöhnlichen Bürger, indem jeder US-Amerikaner jetzt die Erlaubnis besitzt - natürlich immer erst nach ihrer Zustimmung - den Kubanern Geld zu schicken, selbst wenn er in keinstem Grade mit ihm verwandt ist.

Ich sage: Sehr gut, jetzt wissen wir wenigstens, daß wir etwas wert sind (Lachen), weil es Leute gibt, die etwas für uns zahlen wollen, eine sehr reiche Regierung, die die Losung ausgegeben hat, uns zu kaufen. Es gibt 4 Milliarden Arme auf der Welt, für die sie keinen Pfennig ausgeben (Lachen und Beifall). Sie haben unseren Marktwert erhöht.

Ich erzähle euch das, weil wir unser Programm der ärztlichen Unterstützung auf Surinam ausweiten, das bereits um mehr als 60 Ärzte nachgefragt hat. Sogar die Behörden einer Region in Kanada, einer autonomen Provinz, haben um Ärzte nachgefragt. Sie sagen: Wir haben hier einfach keine Ärzte, die am nördlichen Polarkreis Dienst leisten möchten, sie wollen dort nicht hin. Daraufhin antworteten wir ihnen unverzüglich: Ja. Besprecht das mit eurer Regierung, weil das eure Angelegenheit ist. Natürlich müßten unsere Ärzte dort unter anderen Bedingungen hinreisen, und nicht etwa der Geschäfte wegen, sondern einfach aus der elemtaren Logik heraus, daß es sich um einen Industriestaat handelt. Ihre Dienste dort wären durchaus gerechtfertigt, wenn sie auch bescheiden vergütet würden, da es kein wirtschaftliches Interesse ist, das unser Verhalten bestimmt, sondern der aufrichtige Wunsch einer internationalen Kooperation im medizinischen Bereich, wo wir über ausreichende Arbeitskräfte verfügen.

Wenn es der kanadische Verantwortliche schafft, die Hindernisse aus dem Weg zu räumen, damit unsere Ärzte dorthin reisen, wird es kubanische Ärzte vom Amazonasdschungel bis zum nördlichen Polarkreis geben (Beifall). Unser Hauptaugenmerk gilt aber der Dritten Welt. Wir zahlen unseren Ärzten dort das bescheidene Gehalt, das sie in unserem Land erhalten. Das ist gut, wir freuen uns, denn die Ärzte sind sehr zufrieden mit ihrer Aufgabe. Sie besitzen eine hohe Moral und eine lange internationalistische Tradition.

Auch aus anderen Teilen der Welt hat man uns schon um Zusammenarbeit gebeten. So merken wir, daß die Idee, die aufkam, um Haiti zu helfen und sich dann auf Mittelamerika ausdehnte, sich nun auch auf andere Länder Lateinamerikas und der Karibik erstreckt. Wir haben kein Geld, aber wir haben viel Humankapital (Beifall).

Haltet das nicht für Prahlerei, aber man müßte schon sämtliche Ärzte der Vereinigten Staaten zusammennehmen, ich weiß nicht wieviele, um zu sehen, ob sie 2.000 Freiwillige zusammenbekommen, die bereit sind, in die Sümpfe zu marschieren, in die Berge und in unwirtliche Gegenden, wo unsere Ärzte hingehen. Es wäre schon eine kleine Probe wert, um das festzustellen, obwohl ich weiß, daß es auch dort selbstlose Ärzt gibt - ich will das gar nicht bestreiten. Aber 2.000 zusammenzubekommen und diesen Lebensstandard der Konsumgesellschaft zu verlassen, um in so einen Sumpf in Moskitoland zu gehen, den nicht einmal die spanischen Konquistadoren ertrugen, ist schon gelinde gesagt (Lachen und Beifall) fast ein Ding der Unmöglichkeit. Dort sind aber die kubanischen Ärzte - Humankapital.

Wenn wir von drei Ärzten einen dazu abstellen würden, könnten wir das Programm, das wir Haiti und Mittelamerika angeboten haben, dem ganzen Rest Lateinamerikas anbieten, in denen ähnliche Bedingungen herrschen - überall dort, wo Kinder sterben und wo ältere Menschen sterben, weil sie keine ärztliche Betreuung erfahren, und weil dort niemand hingeht. Wir haben das vorgeschlagen. Dieser Weg ist lang, aber wie ich merke, kann unser Land darauf eine Antwort geben. Schaut nur wieviel Humankapital man zusammentragen kann!

Wieviele Leben können gerettet werden? Wir haben öffentlich die Idee vorgestellt und vorgeschlagen, daß die Länder unserer Region sich vornehmen sollten, eine Million Leben pro Jahr zu retten - darunter das von Hunderttausenden von Kindern. Man kann sogar präzise ausrechnen, wieviel es kostet, eine Million Leben zu retten. Dabei sind die Kinderleben diejenigen, die am wenigsten Kosten verursachen, weil wir, wenn wir älter werden, bereits mehr Röntgenaufnahmen benötigen sowie Laboranalysen. Wir müssen dann mehr Medikamente kaufen und all das. Die Kleinen überleben fast von alleine, wenn sie die ersten Jahre überstanden haben. Man kann durch eine Impfung, die nur einige Pfennige kostet, ein Leben retten. Die Impfung gegen Kinderlähmung ist ein Beweis dafür.

Wir haben diese Idee vorgestellt, daß man mit ein bißchen Geld jedes Jahr eine Million Leben retten kann - von diesem Geld, das haufenweise für Luxusgüter verschwendet wird - denn die Ärzte dafür sind bereit. Man kann alle Medikamente Europas zur Verfügung haben und trotzdem keine Million Menschenleben retten, wenn es keine 15.000 oder 20.000 Ärzte gibt, die notwendig wären, um ein solches Programm umzusetzen.

Ich rede davon, das müßt ihr einmal überlegen, damit ihr wißt, was Kuba heute ist, warum Kuba so ist und welche die Normen sind, die in Kuba vorherrschen, das so schändlich in Bezug auf Menschenrechte verleumdet wird. Ein Land, in dem in 40 Jahren Revolution niemals jemand beseitigt wurde, wo niemals jemand gefoltert wurde (Beifall), wo es keine Todesschwadronen gibt und es jemals einen politisch motivierten Mord gegeben hätte oder ähnliche Dinge. Genausowenig wie es schutzlose alte Menschen gibt, auf der Straße lebende Kinder oder Schulen ohne Lehrer und Menschen, die vergessen oder ihrem Schicksal selbst überlassen wären.

Wir wissen nur zu genau, was an einigen Orten geschehen ist, wo unsere Nachbarn aus dem Norden hingingen, wie z.B. diejenigen, die in Mittelamerika den Sturz der Regierung eines der wichtigsten Länder der Region im Jahre 1954 organisiert haben. Dort richteten sich ihre Berater mit ihren Handbüchern über Folter, Repression und Tod ein. Jahrelang gab es die Bezeichnung Gefangener nicht, man kannte sie nicht, nur Tote und Verschwundene. Hunderttausend in einem einzigen Land! - und dazu noch 50.000 Tote zusätzlich. Wir könnten noch das hinzufügen, was in vielen anderen Ländern geschehen ist bezüglich Folter, Morden, Verschwundenen, wiederholte militärische US-Interventionen unter irgendwelchen Vorwänden oder ohne jeden Vorwand. Sie erinnern sich nicht, davon sprechen sie nicht, sie haben das Gedächtnis verloren. Wir haben sie angesichts der schrecklichen Lebenserfahrungen der Völker unseres Amerikas herausgefordert. Wir werden mit Tatsachen, mit Realitäten beweisen, wer von wirklich humanitären Gedanken angetrieben ist, wer einen wirklichen Sinn für Humanität besitzt und wer in der Lage ist, etwas für den Menschen zu tun, außer Lügen, Losungen, Desinformation, Heuchelei, Täuschungen und all das, was sie in unserer Region im Laufe dieses Jahrhunderts verbreitet haben (Beifall).

Ich weiß, daß ich euch das nicht erst klarmachen muß, aber da ich schon einmal dieses Thema angesprochen habe, fühle ich mich verpflichtet, es auszusprechen, denn wie oft habt ihr nicht bestimmt schon desinformierte Personen getroffen, die - selbst wenn nur einen Teil - der Tonnen von Lügen und Verleumdungen glauben, die sie über unser Land verbreitet haben, um uns zu treffen, um uns zu schwächen, uns zu isolieren, um uns zu spalten. Sie haben es nicht geschafft, uns zu spalten und werden es auch nicht schaffen! (Beifall).

Ich habe euch diese Dinge fast ganz vertraulich gesagt. Ich konnte nicht herkommen und wie im Jahre 1959 davon sprechen, eine Expedition zu organisieren, um die Probleme in einem benachbarten Land zu lösen (Lachen). Wir wissen nur zu gut, daß heute kein Land alleine und auf sich selbst gestellt seine Probleme lösen kann. Das ist die Realität in dieser globalisierten Welt. Hier kann man sagen: Wir retten uns alle oder wir gehen alle unter (Beifall).

Martí sagte: "Das Vaterland ist die Menschheit", einer der außerordentlichsten Sätze, die er verfaßt hat. Wir müssen so denken - Das Vaterland ist die Menschheit!

Ich erinnere mich bei der Geschichte Kubas an den Fall eines spanischen Offiziers, der während des Zehnjährigen Krieges, dem ersten Kampf Kubas für die Unabhängigkeit, als die spanische Regierung acht unschuldige Medizinstudenten erschoß, weil sie angeklagt wurden, das Grab eines Rechtsextremisten geschändet zu haben, der daraufhin in einem unvergeßlichen Anflug der Bestürzung und des Protests sein Schwert zerbrach und ausrief: "Vor dem Vaterland kommt die Menschheit" (Beifall). Natürlich gibt es Teile dieser Menschheit, die näher liegen, andere die weiter entfernt liegen. Wenn wir von Menschheit sprechen, denken wir zuerst einmal an unsere lateinamerikanischen und karibischen Brüder, die wir niemals vergessen (Beifall). Anschließend, bezüglich des Rests dieser Menschheit, die unseren Planeten bevölkert, werden wir wohl dieses Konzept lernen müssen, diese Prinzipien - nicht nur lernen, sondern auch spüren und anwenden -, die in dem Satz von Martí enthalten sind.

Erstens haben wir, die lateinamerikanischen Völker, die Pflicht, ohne auch nur eine Minute zu verlieren, uns zusammenzuschließen. Die Afrikaner versuchen dies, zu erreichen. Die südostasiatischen Staaten haben den ASEAN und suchen nach Wegen zu einer wirtschaftlichen Integration. In Europa geschieht dies bereits sehr schnell. Das heißt, daß es in den verschiedenen Erdteilen subregionale und regionale Gemeinschaften geben wird.

Bolívar träumte von einer großen regionalen Gemeinschaft von Mexiko bis Argentinien. Wie ihr wißt, wurde der Amphiktyonische Kongreß von den Gentlemen im Norden sabotiert, die sich außerdem der Bolivarianischen Idee widersetzten, eine Expedition unter der Führung von Sucre loszuschicken, um die Insel Kuba zu befreien, was unverzichtbar war, um jegliches Risiko einer Bedrohung oder eines Gegenangriffs des gefürchteten und hartnäckigen spanischen Mutterlandes auszuschalten. So wurden wir also nicht vergessen von der venezolanischen Geschichte (Beifall). Heute, wo wir es geschafft haben, diese Insel aus der Vorherrschaft einer noch viel größeren Macht zu befreien, ist es unsere heiligste Pflicht, sie um der Interessen und der Sicherheit selbst unserer Brüder auf diesem Kontinent willen zu verteidigen.

Es ist klar, daß man auf möglichst verschiedene Weise an der Kooperation und Integration arbeiten muß. Schritt für Schritt - aber mit schnellen Schritten, wenn wir denn als regionale Einheit überleben wollen, die über dieselbe Sprache, Kultur und soviele andere gemeinsame Sachen verfügt, wie sie es in Europa nicht gibt, weil ich nicht weiß, wie sich ein Italiener mit einem Österreicher versteht (Lachen) oder mit einem Finnen, ein Deutscher mit einem Belgier oder einem Portugiesen. Trotzdem hat die Europäische Union es geschafft und bewegt sich mit schnellen Schritten auf eine noch größere wirtschaftliche und eine vollständige Währungsunion zu. Warum sollten wir uns für unfähig halten, nicht wenigstens an solche Möglichkeiten zu denken? Warum sollten wir nicht in allen Ländern mit unserer Sprache, unserer Kultur, unseren Glaubensüberzeugungen, unserem Mischlingsblut, das in den Adern der überwiegenden Mehrheit fließt, unitarische und integrationistische Tendenzen fördern?

Und wenn das Mestizentum im Blut nicht existiert, muß es in der Seele vorhanden sein (Beifall).

Was waren denn diejenigen, die die Schlacht von Ayacucho schlugen? Es waren Venezolaner aus Caracas und aus den Provinzen im Osten und Westen des Landes, Kolumbianer, Peruaner und Ecuadorianer. Vereint waren sie fähig, das zu tun, was sie taten. Und es fehlte auch nicht die unvergessene Kooperation der Argentinier und Chilenen. Unsere größte Sünde ist, daß wir danach fast 200 Jahre verloren haben.

In 11 Jahren wird genau der 200. Jahrestag der venezolanischen Unabhängigkeitserklärung und darauf folgend derjenige der anderen Länder begangen. Fast zweihundert Jahre! Was haben wir in diesen zweihundert Jahren gemacht, so gespalten, zersplittert, balkanisiert und unterworfen, wie wir waren? Es ist leichter, die sieben Zwerge zu beherrschen als einen Boxer, auch wenn wir sagen, es handele sich um ein Leichtgewicht (Lachen). Sie wollten uns als zwergenhafte und gespaltene Nachbarn beibehalten, um uns dauerhaft zu beherrschen.

Ich sprach nicht nur von der Notwendigkeit der Einheit Südamerikas, sondern auch von Zentralamerika und der Karibik, und gerade angesichts der aktuellen Ereignisse in Venezuela befinden wir uns in einem besonderen Augenblick, um dies zu betonen. Sie wollten uns spalten. Die Großmacht im Norden will einzig und allein das Freihandelsabkommen für Amerika und sonst nichts. Freihandelsabkommen und fast track - fast track bedeutet schnell, wie ich verstanden habe, nicht wahr? -, einen schnellen Schritt. Ja, ich schlage für uns auch einen fast track vor, einen schnellen Schritt, um uns zu vereinigen (Applaus). Die lateinamerikanische Antwort auf den fast track des Nordens muß ein fast track des Zentrums und des Südens sein (Applaus).

Man muß Brasilien helfen und dem Land Mut geben. Wir wissen sehr gut, daß den Vereinigten Staaten nicht einmal die Existenz eines MERCOSUR gefällt. Diese Vereinigung stellt die Keimzelle einer erweiterten Einheit dar und kann noch wachsen. Es gibt schon andere Nachbarstaaten, die nicht weit davon entfernt sind, sich dem MERCOSUR anzuschließen. Wir betrachten ihn als eine subregionale Vereinigung und als einen Schritt hin zu einer Regionaleinheit, die sich zunächst auf Südamerika und dann schnellstmöglich auch auf die Karibik und Zentralamerika erstreckt.

Wir denken hierbei an die Notwendigkeit, die Kontakte, Konzeptionen, konzertierte Aktionen und alle möglichen praktischen Schritte in diese Richtung zu intensivieren, bevor wir uns den Luxus leisten können, die Schaffung einer gemeinsamen Währung ins Auge zu fassen. Die Entwicklung von Ideen und Konzepten ist unserer Ansicht nach in diesem Bereich das, was wir jetzt unmittelbar tun können. Unterdessen muß um jeden Preis der politische und ökonomische Selbstmord eines Ersetzens unser nationalen Währungen durch diejenige der Vereinigten Staaten verhindert werden, wie auch immer die Schwierigkeiten und Schwankungen aussehen mögen, die uns die momentane Wirtschaftsordnung aufzwingt. Denn diese Währungsübernahme würde schlicht und einfach die Annektierung Lateinamerikas durch die Vereinigten Staaten bedeuten. Wir würden nicht mehr als unabhängige Nationen anerkannt werden und damit auf jede Möglichkeit einer Teilnahme an der Gestaltung der Welt von morgen verzichten. Unter den aktuellen Umständen ist es unumgänglich, uns zu vereinigen, unsere Kräfte zu bündeln und unseren Einfluß zu erweitern.

Im April wird in der Dominikanischen Republik die Tagung der Staaten des karibischen Beckens stattfinden, worauf sich fast unmittelbar danach das Treffen mit der Europäischen Union in Rio de Janeiro anschließt. Wir teilen bestimmte Interessen mit den Europäern. Es gibt Dinge von uns, die sie interessieren, und umgekehrt interessieren wir uns für bestimmte Dinge von ihnen. Es ist eine Tragödie, von einer einzigen Währung versklavt zu sein, wie wir es im Moment sind, und wir freuen uns deshalb, daß dem Olympiasieger mit seiner Goldmedallie durch den Euro jetzt ein Rivale erwächst (Lachen). Die Stärkung der Vereinten Nationen ist eine weitere unaufschiebbare Notwendigkeit. Man muß die Vereinten Nationen demokratisieren und der Generalversammlung, in der alle Mitgliedsländer vertreten sind, die höchste Autorität verleihen und ihr die Funktionen und die Rolle zusprechen, die ihr zustehen. Man muß die Diktatur des Sicherheitsrates und die Diktatur der Vereinigten Staaten innerhalb des Sicherheitsrates beenden (Beifall). Wenn man schon nicht das Vetorecht abschaffen kann, weil diejenigen, die das letzte Wort bei einer Reform dieses Typs haben, genau die sind, die das Recht haben, eine solche Reform per Veto zu blockieren, dann sollten wir wenigstens vehement einfordern, daß das Privileg des Vetos geteilt wird und daß die Anzahl der fünf ständigen Mitglieder entsprechend angehoben wird. Dies muß in Übereinstimmung mit der Art und Weise der Aufstockung der Anzahl der Mitglieder des Sicherheitsrates und den Veränderungen in den letzten 50 Jahren geschehen, so daß die Dritte Welt, wo seit dem Zweiten Weltkrieg eine große Zahl von Ländern als unabhängige Staaten entstanden sind, mit gleichen Vorrechten in diesem wichtigen Organ der Vereinten Nationen teilnehmen kann. Wir haben die Idee verteidigt, als Minimum zwei ständige Sicherheitsratssitze für Lateinamerika die Karibik, zwei für Afrika und zwei für die unterentwickelten Regionen Asiens zu fordern. Wenn zwei nicht ausreichen, könnte man in einigen oder mehreren der genannten Regionen die Zahl auf drei erhöhen. Wir stellen die überwiegende Mehrheit der Staaten in der Vollversammlung der Vereinten Nationen und können deshalb nicht zulassen, daß wir weiterhin ignoriert werden.

Wir würden uns der Einbeziehung weiterer Industriestaaten in den Sicherheitsrat nicht entgegenstellen, doch die absolute Priorität hat für uns die Präsenz von ständigen Mitgliedern aus Lateinamerika, der Karibik und den anderen erwähnten Regionen in diesem Organ, wobei sie die gleichen Vorrechte wie die weiteren ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates haben müssen (Beifall). Wenn dies nicht geschieht, werden wir drei Kategorien von Mitgliedern haben: Die ständigen Mitglieder mit Vetorecht, diejenigen ohne Vetorecht und die nichtständigen Mitglieder. Dem wurde eine Verrücktheit hinzugefügt, oder vielmehr eine Erfindung der Vereinigten Staaten, um zu spalten und damit die Privilegien ihres momentanen Status bei gleichzeitiger Verringerung der Vorrechte von möglichen neuen ständigen Mitgliedern beizubehalten: die Idee, die Mitgliedschaft zwischen zwei oder mehr Staaten pro Region rotieren zu lassen und damit letztlich diese lebenswichtige Reform auf Null zu reduzieren, auf das Nichts, auf einfaches Salz und Wasser.

Wenn man will, soll man doch das ärgerliche Vetorecht auf andere Art und Weise regeln, eine größere Anzahl von Mitgliedern für seine Anwendung einfordern und der Vollversammlung die Möglichkeit der Teilnahme an diesen grundlegenden Entscheidungen einräumen. Wäre das nicht die demokratischste und gerechteste Lösung?

Dort muß ein Kampf geführt werden. Man braucht die Einheit aller Länder der Dritten Welt, das haben wir den Afrikanern gesagt, als wir uns mit ihnen trafen, den Asiaten, den Karibikstaaten, allen Vertretern in den internationalen Organisationen: in den Vereinten Nationen, bei den Tagungen der Blockfreienbewegung und der Lomé-Staaten, in der Gruppe der 77, überall. Wir sind eine große Gruppe von Ländern mit gleichen Interessen und der Sehnsucht nach Fortschritt und Entwicklung. Wir bilden die absolute Mehrheit in fast allen internationalen Institutionen und ihr könnt sicher sein, daß man voranschreitet bei der Bewußtwerdung des Schicksals, das sie für uns vorgesehen haben. Man muß arbeiten, überzeugen, kämpfen, hartnäckig bleiben und niemals den Mut verlieren.

Die Nachbarn aus dem Norden spinnen permanent Intrigen, um uns zu spalten. Ich werde dafür vier Beispiele in bezug auf Lateinamerika anbringen.

Ihnen mißfällt der MERCOSUR, der bereits wirtschaftliche Erfolge erreicht hat, auch wenn er bisher nicht mehr ist als eine Keimzelle für die große regionale Integration, die wir anstreben und die sie absolut nicht wünschen. Was erfinden sie? Gut, viele Dinge. Zunächst erfinden sie diese Tagungen auf Kontinentalebene, von denen Kuba ausgeschlossen ist, als eine Art von Antwort auf den Ersten Iberoamerikanischen Gipfel in Guadalajara.

Sie erfinden die Idee, daß es nicht mehr als einen Sitz für Lateinamerika als ständiges Mitglied geben soll, mit dem Ziel, mehrere wichtige Vertreter unserer Region gegeneinander auszuspielen. Und plötzlich fügen sie die Bestimmung hinzu, Brasilien, Argentinien und Mexiko bei der Besetzung des Sitzes rotieren zu lassen, selbstverständlich ohne Vetorecht.

Prompt erfinden sie die spezielle Kategorie des strategischen Allierten für Argentinien, was Verdächtigungen und Unbehagen bei wichtigen befreundeten Nachbarstaaten hervorruft, und zwar genau in dem Moment, als sie angesichts des fortschreitenden MERCOSUR aufgerufen sind, sich weiter zu vereinen und eng zu kooperieren.

Sie erfinden die maquiavellische Entscheidung, den Verkauf von hochtechnologischen Waffen an die Länder der Region freizugeben, was einen kostspieligen, ruinösen und spaltenden Rüstungswettlauf zwischen ihnen entfesseln könnte. Wozu dienen diese Waffen, wo es doch keinen Kalten Krieg mehr gibt und weder das Gespenst der UdSSR noch eine andere äußere Sicherheitsbedrohung existiert, die nicht von den USA selbst ausgeht? Können diese Waffen etwa zur Einheit, der Kooperation, der Integration, dem Fortschritt oder dem Frieden zwischen uns beitragen? Was brauchen wir, um die Augen zu öffnen und endlich zu begreifen, welche die geostrategischen Ziele dieser Politik sind?

Unser kleines Land konnten sie nicht überall weiter ausschließen. Wir nehmen bereits an den Iberoamerikanischen Gipfeln teil, sind Mitglieder der Vereinigung der Karibischen Staaten, gehören zum SELA, wurden in die ALADI eingegliedert, haben exzellente Beziehungen zur CARICOM, sind beim großen Gipfel der Europäischen Union, Lateinamerikas und der Karibik präsent, der in Rio de Janeiro stattfindet, wurden als Beobachter im Kreis der Staaten des Lomé-Abkommens zugelassen, sind aktive Mitglieder der Gruppe der 77 und nehmen als Gründungsmitglieder einen herausragenden Platz in der Blockfreienbewegung ein. Wir gehören zudem der WTO an und arbeiten aktiv in den Gremien der Vereinten Nationen mit, die eine große Tribüne und eine Institution darstellen, die nach erfolgter Demokratisierung ein Grundpfeiler einer gerechten und menschlichen Globalisierung sein könnte.

Was machen wir dort? Wir reden, erklären und sprechen Probleme an, von denen wir wissen, daß sie einen großen Teil der Menschheit eng betreffen. Wir tun dies mit der Freiheit dessen, der dies so ohne Druck vortragen kann, denn es gibt befreundete Staaten in Afrika, Asien, Lateinamerika und anderen Regionen, die gerne viele Dinge energisch vorbringen würden, aber nicht die Möglichkeiten von Kuba haben, das bereits aus allen internationalen Finanzorganisationen ausgeschlossen ist, blockiert wird und einem Wirtschaftskrieg ausgesetzt ist, weshalb es unverwundbar gegenüber jeglicher Repressalie dieser Art ist und zudem durch einen vierzigjährigen harten Kampf gestärkt wurde, was uns die absolute Freiheit gibt, so zu handeln. Die anderen Staaten haben möglicherweise ein vitales Bedürfnis nach einem Kredit der Weltbank, der Interamerikanischen Bank, einer anderen Regionalbank, einer Verhandlung mit dem Internationalen Währungsfonds oder einem Exportkredit, was einer der vielen von den USA angewendeten Mechanismen ist, so daß dadurch ihr Handlungsspielraum eingeengt ist. Kuba hat deshalb oftmals die Aufgabe übernommen, in aller Freiheit die großen Menschheitsprobleme anzusprechen.

Trotz alldem gibt es in unseren armen Ländern mutige Menschen, so zum Beispiel dieses Jahr in den Vereinten Nationen, als der kubanische Antrag gegen die Blockade die Unterstützung von 157 Stimmen bei nur 2 Gegenstimmen bekam (Beifall). Sieben Jahre machen wir dieses Spiel jetzt schon. Beim ersten Mal waren es etwa 55 Ja-Stimmen und 4 oder 5 Nein-Stimmen. Der Rest enthielt sich oder war abwesend. Denn wer wollte sich schon ein Problem mit den Yankees einhandeln? Denn dort wird offen mit Handzeichen abgestimmt (Lachen).

Aber die Angst läßt nach, sie ließ in der Tat nach. Die Würde kann anwachsen, und sie wächst in der Tat. Im darauffolgenden Jahr waren es schon mehr als 66 Ja-Stimmen, im Jahr darauf über 70, später wuchs die Zahl über einhundert, und jetzt, wo wir die Unterstützung von fast 160 Staaten gegenüber 2 Gegenstimmen haben, kann die Zahl nicht mehr wachsen, denn am Ende wird mit Ausnahme der USA niemand mehr übrigbleiben, der die unmenschliche, grausame und unendliche Blockade unterstützt, es sei denn, die Vereinigten Staaten stimmen eines Tages für uns und helfen dem kubanischen Anliegen (Lachen und Beifall).

Es geht voran, man gewinnt an Boden. Die Völker wissen aus Intuition oder Instinkt, daß oftmals verleumderische Beschuldigungen erhoben werden. Die Völker haben einen augeprägten Instinkt! Außerdem kennen sie die Verleumder, die überall zugegen sind, Menschen mißhandeln und Egoismus und Haßgefühle säen. Sie kennen sie. Es ist schwierig, die Geringschätzung zu verbergen, und die Länder der Dritten Welt leiden sehr unter der Arroganz und der Geringschätzung.

Die Regierungen der Vereinigten Staaten haben uns die Möglichkeit gegeben, in die höchsten Stadien des Kampfes einzutreten, indem sie uns blockieren, permanent anfeinden und überall ausschließen wollen. Aber wir sind sogar glücklich darüber, überall ausgeschlossen zu sein, denn das gibt uns im Gegenzug die Freiheit, ohne Rücksichtnahme auf jeder Bühne der Welt zu sprechen, wo es so viele gerechte Anliegen zu verteidigen gibt (Beifall).

Wir können im Allgemeinen eine gewisse Rücksicht gegenüber anderen Ländern zeigen, aus den Gründen, die ich bereits erläutert habe, aber ihnen gegenüber, dem Grundpfeiler der Reaktion und der Ungerechtigkeit in unserer Epoche, können wir die Wahrheit und immer nur die Wahrheit sagen, mit Beziehungen und ohne Beziehungen, mit Blockade und ohne Blockade. Sie sollen sich nicht die geringste Illusion machen, daß Kuba im Falle einer Aufhebung der Blockade aufhören würde, mit der gleichen Offenheit und der gleichen Ehrlichkeit zu sprechen, mit der es in den letzten vierzig Jahren gesprochen hat! (Beifall und Ausrufe) Dies ist eine historische Pflicht.

Ich werde bald Schluß machen, wenn ihr es mir erlaubt (Ausrufe: "Nein"). Denkt daran, daß ich hier zu Besuch bin (Lachen), und ich bin hier unter euch, den Studenten, ich bin hier in diesem Land, das ich ehrlich bewundere und sehr liebe (Beifall und Ausrufe).

Das sind nicht die Worte eines Schmeichlers. Ich war immer begeistert von der Geschichte. Das erste, was ich studierte, war genau Geschichte, denn als ich in die erste Klasse kam, gaben sie mir direkt ein Buch über die biblische Geschichte - davon habe ich einige Dinge gelernt, an die ich mich noch heute erinnere (Lachen) - und selbstverständlich die Geschichte der Arche Noahs, des Auszugs aus Ägypten, der Schlachten und der Überquerung des Roten Meeres. Manchmal unterhalte ich mich mit einigen befreundeten Rabbinern und sage ihnen: "Erzählt mir, wo sie umgekehrt sind" (Lachen). Spaß beiseite, ich respektiere wirklich die Religionen, denn ich habe es immer als eine elementare Pflicht angesehen, den Glauben jedes einzelnen zu respektieren. Manchmal diskutiere ich sogar über relativ theologische Fragen der Weltbetrachtung und des Universums. Aus Anlaß des Papstbesuches hatte ich das Vergnügen und die Gelegenheit, einige wirklich sehr intelligente Theologen kennenzulernen, die ich mit Fragen jeder Art bombardierte (Lachen und Beifall).

Ich traute mich nicht, einem von ihnen Fragen über Dogmen oder Glaubensfragen zu stellen, aber sehr wohl Fragen anderen Typs, wie z.B. über den Weltraum, das Universum und die Theorien über deren Ursprung sowie die Möglichkeiten der Existenz von Lebewesen auf anderen Planeten und andere Dinge, über die man sich mit sehr viel Ernst unterhalten kann. Mit Ernsthaftigkeit und Respekt kann man über jedes Thema sprechen, und ausgehend von diesem Respekt stellen wir Fragen und machen sogar manchmal Scherze.

Gut, also ich war jetzt hier, und ich wollte euch erzählen, daß ich etwas über Venezuela sagen muß, nicht wahr? Wenn ihr es mir erlaubt (Beifall und Ausrufe: "Ja!"). Ihr werdet sagen: "Er kam nach Venezuela und hat nichts über uns gesagt". Ich warne euch alle, daß dies nicht leicht ist, aus den Gründen, die ich bereits erwähnt habe.

Ich fing schon an zu erzählen, daß dies immer ein Land war, das ich sehr mochte, denn hier hatte die Geschichte meiner Leidenschaft für die Geschichte ihren Ausgangspunkt, für die Menschheitsgeschichte, die Geschichte der Revolutionen und Kriege, die Geschichte Kubas, die Geschichte Lateinamerikas und hierbei speziell die von Venezuela. So kam ich dazu, mich stark mit dem Leben und den Ideen Bolivars zu identifizieren.

Der Zufall wollte es, daß Venezuela das Land war, das am meisten für die Unabhängigkeit dieser Hemisphäre gekämpft hat (Beifall). Es begann hier und sie hatten mit Miranda einen legendären Vorreiter, der sogar eine französische Armee im Krieg befehligte und berühmte Schlachten schlug, die eine Invasion des Territoriums der französischen Revolution verhinderten. Vorher hatte er in den Vereinigten Staaten für die Unabhängigkeit jenes Landes gekämpft. Ich besitze eine große Sammlung von Büchern über das sagenhafte Leben Mirandas, auch wenn ich noch nicht alle habe lesen können. Die Venezolaner hatten also Miranda, den Vorreiter der Unabhängigkeit Lateinamerikas, und danach Bolívar, den Befreier, der für mich immer der größte unter den großen Gestalten der Geschichte war (Aus dem Publikum rufen sie ihm zu: "Auch Fidel!").

Stuft mich doch bitte auf dem vierzigtausendsten Rang ein. Ich erinnere mich immer an einen Satz Martís, der mir am meisten im Gedächtnis hängengeblieben ist: "Der gesamte Ruhm der Welt hat in einem Maiskorn Platz". Viele der großen geschichtlichen Persönlichkeiten sorgten sich sehr um den Ruhm, und das ist kein Grund, sie zu kritisieren. Das Konzept der Zeit, des Sinns der Geschichte, der Zukunft, der Bedeutung und des Überdauerns der Geschehnisse seines Lebens, das ein Mensch haben kann, vielleicht war es das, was sie unter Ruhm verstanden. Das ist natürlich und erklärbar. Bolívar sprach gerne vom Ruhm und er redete sehr entschieden von Ruhm. Dafür kann man ihn nicht kritisieren, denn ein großer Nimbus wird immer seinen Namen begleiten.

Martís Konzept des Ruhms, das ich vollkommen teile, kann mit der persönlichen Eitelkeit und der Selbstverherrlichung des einzelnen in Verbindung gebracht werden. Die Rolle des Individuums bei wichtigen geschichtlichen Ereignissen wurde sehr oft diskutiert und sogar zugestanden. Was mir besonders an dem Satz Martís gefällt, ist die Idee der Unbedeutsamkeit des Menschen an sich im Angesicht der enormen Transzendenz und Bedeutung der Menschheit und der unermesslichen Weite des Universums, sowie die Tatsache, daß wir im Grunde nichts weiter sind als ein winziges im All schwebendes Staubpartikel. Diese Realität verringert aber nicht im Geringsten die Größe des Menschen, sondern erhöht sie im Gegenteil vielmehr, wenn der Geist dieses Menschen, wie im Falle Bolívars, von einem ganzen Universum an gerechten Ideen und noblen Gefühlen bestimmt war. Deshalb bewundere ich Bolívar so sehr und sehe sein Lebenswerk als so enorm an. Er gehört weder zum Stamm der Eroberer von Territorien und Nationen noch zu dem der Gründer von Imperien, der anderen Ruhm verliehen hat. Er bildete Nationen, befreite Territorien und zerstörte Imperien. Er war außerdem ein brillianter Soldat, herausragender Denker und Prophet. Heute versuchen wir das zu tun, was er tun wollte und was bisher noch nicht erreicht wurde, nämlich die Vereinigung unserer Völker unter Befolgung der Leitlinien jenes Einheitsdenkens, welches das einzige darstellt, das unserer Kultur und unserer Epoche angemessen ist, damit die Menschen morgen in einer vereinten, brüderlichen, gerechten und freien Welt leben und sich kennenlernen können, wie Bolívar es für die aus Weißen, Schwarzen, Indianern und Mestizen zusammengesetzten Völker unseres Amerikas vorgesehen hatte.

Die Rede dauerte über 4 Stunden. Für die Übersichtlichkeit ist Sie hier auf unterschiedliche Seiten verteilt.

Vorwort

Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5