Fidel Castro

Aula Magna der Zentraluniversität von Venezuela vor venezulanischen Studenten - Teil 2

"Verurteilt mich, die Geschichte wird mich freisprechen "

(Fidel Castro, Moncada-Prozess, Oktober 1953)


Rede in der Aula Magna der Zentraluniversität von Venezuela vor venezulanischen Studenten am 03.02.1999

Teil 2

Es gibt Verluste, aber wie in allen Kriegen und in allen Kämpfen wird in anderen Menschen die Erfahrung weiterentwickelt, werden die Kämpfer zu Veteranen, vermehren sie ihre Qualitäten und erlauben es dadurch, die Moral und die notwendige Kraft für den weiteren Kampf aurechtzuerhalten und zu erhöhen.

Wir sind dabei, den Kampf der Ideale zu gewinnen (Beifall). Trotzdem ist unsere kleine Insel nicht das einzige Schlachtfeld, wenn man auch auf der kleinen Insel kämpfen muß. Das Schlachtfeld ist heute die gesamte Welt, überall, auf allen Kontinenten, in allen Institutionen, auf allen Bühnen. Das ist das Gute des globalisierten Kampfes (Lachen und Beifall). Man muß die kleine Insel verteidigen und gleichzeitig an allen Ecken und Enden dieser immensen Welt kämpfen, die sie fast vollständig beherrschen oder beherrschen möchten. Auf vielen Gebieten beherrschen sie sie fast vollständig, aber nicht auf allen Gebieten, auch nicht überall im gleichen Maße, noch in absolut allen Ländern.

Sie haben sehr intelligente Waffen entdeckt, aber wir Revolutionäre haben eine Waffe entdeckt, eine viel mächtigere Waffe! - daß der Mensch denkt und fühlt (Beifall). Das lehrt uns die Welt, das lehren uns die unzählbaren internationalistischen Missionen, die wir hier und da auf der Welt erfüllt haben.

Dazu nur eine Zahl: 26.000 kubanische Ärzte haben an diesen Missionen teilgenommen, wobei das Land 3.000 von den 6.000 Ärzten verlassen hatten, die Kuba nach dem Sieg der Revolution hatte, von denen viele arbeitslos waren, aber immer schon den Wunsch hatten, auszuwandern, um soundsoviel Gehalt und soundsoviele Einnahmen zu erreichen. Die 3.000 , die uns verlassen hatten, konnte die Revolution vervielfachen, und allmählich Ärzte und immer mehr Ärzte ausbilden, die zunächst mit dem ersten oder zweiten Schuljahr in den Schulen begannen, die sofort überall im Land errichtet wurden. Ihre Opferbereitschaft und ihre Solidarität ist so groß, daß 26.000 von ihnen internationalistische Missionen erfüllt haben (Beifall), genauso wie, worauf ich bereits hingewiesen habe, Hunderttausende von Landsleuten als Techniker, Lehrer, Bauarbeiter und Kämpfer gearbeitet haben. Ja, Kämpfer, und das sagen wir mit Stolz (Beifall), weil der Kampf gegen die Soldaten des Faschismus und des Rassismus der Apartheid und sogar der Beitrag zum Sieg der Völker Afrikas, die in diesem System ihre größte Schande sahen, stets ein Grund zum Stolz sein wird (Beifall).

Aber durch diese Anstrengung, die gar nicht wahrgenommen wurde, ja ignoriert wurde, haben wir viel von den Völkern gelernt. Wir haben gelernt, die Völker und ihre außergewöhnlichen Eigenschaften kennzulernen und u.a. haben wir nicht nur durch abstrakte Ideen, sondern durch das praktische und alltägliche Leben gelernt, daß wir Menschen nicht alle in unseren äußeren Merkmalen gleich sind, daß wir Menschen aber alle gleich sind in bezug auf Talent, Gefühle und in bezug auf alle anderen Tugenden, die notwendig sind, um zu zeigen, daß wir in puncto moralische, gesellschaftliche, intellektuelle und menschliche Fähigkeit alle genetisch gleich sind (Beifall).

Das genau war der Fehler von vielen, die dachten, eine überlegene Rasse zu sein. Wie ich euch sagte, hat das Leben uns viele Dinge gelehrt, und das ist es, was unseren Glauben an die Völker nährt, unseren Glauben an die Menschen. Das haben wir nicht in einem kleinen Buch nachgelesen - wir haben es selbst erlebt, wir haben das Privileg gehabt, es zu erleben (Beifall).

Ich bin etwas bei diesen ersten Ideen ausgeschweift wegen der Broschüre, die mir abhanden gekommen ist und wegen der Probleme mit dem Mikrofon (Lachen), deswegen werde ich mich bei anderen Themen kürzer fassen müssen.

Ja, es ist meine Pflicht, mich kürzer zu fassen, u.a. aus persönlichem Interesse: nachher muß ich nämlich noch einmal das durchgehen, was ich hier gesagt habe (Lachen), schauen, ob ein Komma fehlte, ein Punkt, ob eine Zahl falsch war. Und ich sage euch, daß ich für jede Stunde einer leicht erscheinenden Rede, die ich halte, zwei oder drei Stunden für die Durchsicht brauche. Es könnte ein Wort fehlen. Niemals lasse ich eine Idee aus, die ich zum Ausdruck gebracht habe, manchmal aber muß ich sie zuende führen oder sie erläutern, weil gesprochene und geschriebene Sprache nicht das gleiche ist. Wenn ich auf meinen Nachbarn zeige, dann versteht das der Zeitungsleser nicht, der das nachliest (Lachen) oder er wird das kaum verstehen. Der geschriebenen Sprache stehen nur Ausrufezeichen und die Anführungszeichen zur Verfügung. Weder der Tonfall, noch die Bewegung der Hände oder das Gefühl, das man zum Ausdruck bringt, können schriftlich vermittelt werden.

Ich mußte diesen Unterschied erst entdecken. Jetzt achten wir sehr auf die schriftliche Fassung der Dinge und überprüfen sie anschließend, weil die Themen, die wir behandeln von Bedeutung und objektiv gesehen wichtig sind und außerdem, weil man auf eine unendliche Zahl von Dingen aufpassen muß, die ihr euch gar nicht vorstellen könnt.

Als ich an den Festakt dachte, an dem ich zusammen mit euch um 5 Uhr nachmittags teilnehmen würde, fragte ich mich: Worüber rede ich zu den Studenten? (Beifall) Bis auf einige Ausnahmen, kann ich keine Namen nennen. Ich kann kaum Länder nennen, denn manchmal ist es so, daß wenn ich auf etwas mit der besten Absicht der Welt hinweise, um eine Idee zu veranschaulichen, laufe ich Gefahr, daß man unmittelbar das, was ich gesagt habe, aus dem Zusammenhang löst, das auf der Welt verkündet und uns damit eine Menge diplomatische Probleme schafft (Beifall). Und weil wir vereint in diesem globalen Kampf arbeiten müssen, kann man es dem Feind und seinen gut ausgearbeiteten und wirksamen Propagandamechanismen nicht noch erleichtern, ständig Verwirrung und Desinformation hervorzurufen, da die, die sie bereits verursacht haben, schon sehr groß ist, wenn auch nicht ausreichend, versteht ihr? Nicht ausreichend (Lachen). Aus diesen Gründen muß man sich sehr beschränken, weswegen ich euch um Nachsicht bitte.

Ich muß hier nicht erst groß erklären, was Neoliberalismus ist. Wie kann ich ihn kurz beschreiben? Nun gut, ich würde zum Beispiel sagen: Die neoliberale Globalisierung will alle Länder, vor allem alle unsere Länder, zu Privateigentum machen.

Was werden sie uns von all ihren enormen Finanzmitteln dalassen? Sie haben ja nicht nur immense Reichtümer durch die Plünderung und Ausbeutung der Welt angehäuft, sondern sogar dadurch, indem sie das Wunder vollbracht haben, das die Alchimisten des Mittelalters anstrebten, nämlich Papier in Gold zu verwandeln. Gleichzeitig waren sie in der Lage, Gold zu Papier zu machen (Lachen). Danmit kaufen sie alles - alles bis auf die Seelen, bis auf - um es korrekter auszudrücken - die überwiegende Mehrheit der Seelen. Sie kaufen Naturressourcen, Fabriken, ganze Kommunikationssysteme, Dienstleistungen, etcetera, etcetera, etcetera. Sogar Land kaufen sie rings um die Welt, weil sie denken, daß der Grund und Boden, der billiger ist als in ihren eigenen Ländern, eine gute Investition in die Zukunft sei.

Ich frage mich: Was wollen sie für uns übriglassen, nachdem sie uns praktisch zu Bürger zweiter Klasse - es wäre wohl besser von Parias zu sprechen - in unseren eigenen Ländern gemacht haben? Sie wollen die Welt zu einer riesigen Freihandelszone machen - vielleicht versteht man das dadurch noch besser -, weil: Was ist eine Freihandelszone? Ein Ort mit besonderen Merkmalen, an dem keine Steuern entrichtet werden, zu dem Rohstoffe geliefert werden, Einzelteile, Bauteile, die dort zusammengebaut werden oder wo verschiedenartige Waren produziert werden - vor allem in jenen Bereichen, für die man besonders viele billige Arbeitskräfte braucht, für die sie oft nicht mehr als 5% des Gehalts zahlen, das sie in ihren Ländern zahlen und das einzige, was sie uns hinterlassen, sind diese erbärmlichen Löhne.

Trauriger noch: Ich habe gesehen, wie sie viele von unseren Ländern dazu gebracht haben, gegeneinander zu konkurrieren, um zu sehen, welche Länder ihnen die besseren Bedingungen und mehr Steuerbefreiungen für Kapitalanlagen bieten. Sie haben die Länder der Dritten Welt dazu gebracht, um Investitionen und Freihandelszonen zu konkurrieren.

Es gibt Länder - die ich kenne - die eine große Armut und Arbeitslosenrate aufwiesen und deshalb gezwungen waren, Dutzende von Freihandelszonen zu errichten, was innerhalb der bestehenden Weltordnung die vorzuziehende Lösung war, anstatt nicht einmal die Fabriken der Freihandelszonen zu haben, die Arbeitsplätze zu bestimmten Lohnsätzen schaffen, wenn sie auch nur 7%, 6%, 5% oder weniger des Lohnsatzes ausmachen, den die Eigentümer dieser Fabriken in ihrer Heimatländern zahlen müßten.

Das haben wir vor der Welthandelsorganisation in Genf vor einigen Monaten geschildert. Sie wollen uns in eine riesige Freihandelszone verwandeln, genau dazu wollen sie uns machen. Mit ihrem Geld und ihrer Technologie werden sie allmählich alles aufkaufen. Wir werden ja sehen, wieviele Fluglinien noch in nationaler Hand bleiben werden, wieviele Seefrachtlinien, wieviele Dienstleistungen in der Hand des Volkes oder der Nation verbleiben.

Das ist die Zukunft, die uns die neoliberale Globalisierung verspricht, glaubt nicht, daß das nur für die Arbeiter gilt. Sogar auch die nationalen Unternehmer, die klein- und mittelständischen Betriebe, die mit der Technologie der transnationalen Unternehmen zu konkurrieren haben werden, mit ihren hochentwickelten Geräten, ihren weltweiten Vertriebsnetzen. Sie werden neue Märkte erschließen müssen, ganz zu schweigen von den üppigen Handelskrediten, die ihre mächtigen Konkurrenten bekommen, um ihre Produkte abzusetzen.

Wir können in Kuba über eine großartige Fabrik verfügen, sagen wir eine Kühlschrankfabrik. Wir haben eine, aber sie ist nicht großartig und weit davon entfernt, die modernste der Welt zu sein. Es geht in Anbetracht der zunehmenden Erwärmung in den Tropen natürlich sehr gut dort mit der Fabrik. Nehmen wir nun einmal an, daß Länder der Dritten Welt Kühlschränke akzeptabler Qualität und sogar zu niedrigeren Preisen herstellen. Ihre mächtigen Konkurrenten erneuern ständig das Design, investieren unglaubliche Summen in der Anhebung ihres Markenprestiges, sie produzieren in vielen Freihandelszonen zu niedrigen Lohnkosten oder sonstwo, sind von Steuerzahlungen befreit, verfügen über ein üppiges Kapital oder Finanzmechanismen zur Einräumung von Krediten, die sich innerhalb von einem, zwei, drei oder wievielen Jahren auch immer amortisieren. Märkte, die gesättigt sind mit Haushaltsgeräten, die wiederum die Frucht sind von Anarchie und Chaos bei der weltweiten Verteilung des Investitionskapitals unter der verallgemeinerten Losung des Wachstums und der Entwicklung auf Grundlage von Exporten, so wie es der Internationale Währungsfonds rät. Welcher Spielraum bleibt dabei für die nationalen Industrien, für wen und wie werden sie exportieren, wo sind die potentiellen Verbraucher unter den Milliarden von Armen, Hungernden und Arbeitslosen, die einen großen Teil unseres Planeten bewohnen? Soll man etwa darauf hoffen, daß sich alle einen Kühlschrank leisten können und einen Fernseher, ein Telefon, eine Klimaanlage, ein Auto, Elektrizität, Treibstoff, einen Computer, ein Haus, eine Garage, eine Arbeitslosenversicherung, Aktien an der Börse und eine abgesicherte Rente? Ist das der Entwicklungsweg, wie sie es uns Millionen Male über alle zur Verfügung stehenden Medien versichern? Was wird vom Binnenmarkt übrigbleiben, wenn ihm ein beschleunigter Abbau der Zolltarife verordnet wird, die für viele Länder der Dritten Welt darüberhinaus eine wichtige Einnahmequelle für den Staatshaushalt darstellen?

Die Theoretiker des Neoliberalismus haben zum Beispiel nicht das große Problem der Arbeitslosigkeit in der überwiegenden Mehrzahl der reichen Länder lösen können, ganz zu schweigen von den Länder, die sich in ihrer Entwicklung befinden, und mit einem so absurden Konzept werden sie es auch niemals lösen können. Es ist ein gewaltiger Widerspruch des Systems, das umso mehr Menschen auf die Straße setzt, desto mehr investiert und technisiert wird. Produktivität der Arbeit, hochgzüchtetste Geräte, die dem menschlichen Geist entspringen und die materiellen Reichtümer mehren, gleichzeitig aber auch die Armut und Entlassungen verursachen - welchen Nutzen haben sie für die Menschheit? Vielleicht den, das sie Arbeitszeit verkürzen, um über mehr Freizeit zu verfügen zur Entspannung, Sport, kulturelle und wissenschaftliche Weiterbildung? Unmöglich, die hochheiligen Gesetze des Marktes und die immer mehr imaginären als realen Prinzipien der Konkurrenz in einer transnationalisierten und megafusionierten Welt erlauben das immer weniger und unter keinen Umständen. Wer ist es denn eigentlich, der miteinander wo konkurriert? Riesen gegen Riesen, die auf Fusion und Monopol zusteuern. Für die anderen angenommenen Akteure in diesem Wettbewerb gibt es auf der Welt keinen Platz.

Für die reichen Länder die Spitzentechnologie; für die Arbeiter der Dritten Welt das Zusammennähen von Jeans, T-Shirts, Kleidung, Schuhen, das Aussäen von Blumen, exotischen Früchten und anderen Produkten steigender Nachfrage in den Industriestaaten, weil sie sie selbst dort nicht anbauen können, obwohl wir wissen, daß sie in den Vereinigten Staaten z.B. sogar Marihuana in Treibhäusern (Lachen und Beifall) oder im Innenhof ihrer Häuser anbauen, und daß der Wert des Marihuana, das sie herstellen, über dem Wert ihrer gesamten Maisproduktion liegt - dabei sind sie der größte Maisproduzent der Welt (Lachen). Letztlich sind ihre Labors die größten Rauschmittelproduzenten des Planeten oder sind auf dem Weg dazu, was jetzt noch getarnt wird als Produktion von Beruhigungsmitteln, Antidepressiva und anderen Tabletten und Produkten, von denen die Jugendlichen gelernt haben, sie auf sehr unterschiedliche Art und Weise zu kombinieren und zu mischen.

Wie werden in der glücklichen entwickelten Welt die harten Arbeiten in der Landwirtschaft, wie etwa die Tomatenernte, gelöst, für die man noch keine perfekte Maschine entwickelt hat - einen Roboter, der loszieht und die Tomaten je nach Reifegrad, Größe und anderen Eigenschaften pflückt? Wer wird die Straßen säubern und andere unliebsame Arbeiten ausführen, die in den Konsumgesellschaften niemand übernehmen möchte? Ah ha, dafür sind dann die Zuwanderer aus der Dritten Welt gut. Sie erledigen diese Art von Arbeit nicht. Und wir, die wir Ausländer innerhalb unserer eigenen Grenzen sein werden, können, wie ich bereits erwähnte, Hosen zusammennähen und ähnliche Tätigkeiten verrichten. Kraft ihrer "wunderbaren" Wirtschaftsgesetze aber veranlassen sie uns dazu, soviele Hosen zu produzieren, als ob es auf der Welt bereits 40 Milliarden Einwohner gäbe und jeder von ihnen das nötige Geld hätte, um sich so eine Jeans zu kaufen. Ich will nicht die Jeans kritisieren, sie steht den Jugendlichen sehr gut - vor allem den weiblichen Jugendlichen (Lachen und Beifall). Nein, ich will das Kleidungstück als solches nicht kritisieren, ich kritisiere die Arbeit, die sie für uns übrig lassen wollen, die absolut nichts mit Spitzentechnologie zu tun hat. Daher werden unsere Universitäten überflüssig sein oder sie werden lediglich dazu dienen, um zu niedrigen Kosten technisches Personal für die entwickelte Welt zu produzieren.

Ihr habt in den letzten Tagen sicherlich in der Presse gelesen, daß die Vereinigten Staaten im Hinblick auf die Nachfrage ihrer Computerindustrie, ihrer elektronischen Industrie, etcetera, etcetera, sich vorgenommen haben, auf dem internationalen Markt, sagen wir besser in der Dritten Welt, 200.000 hochqualifizierte Arbeiter für ihre Spitzenindustrien anzuwerben und Visa zu erteilen. Paßt also gut auf, denn sie suchen fähige Leute (Lachen), und diesmal nicht um Tomaten zu ernten. Weil sie selbst nicht allzu sehr gebildet sind, was viele unter Beweis stellen, die Brasilien mit Bolivien oder Bolivien mit Brasilien verwechseln (Lachen und Beifall), oder wenn sich in Umfragen herausstellt, daß sie nicht einmal viele Dinge über die USA selbst wissen oder nicht einmal wissen, ob ein lateinamerikanisches Land, von dem sie gehört haben, sich in Afrika oder in Europa befindet - und dabei übertreibe ich nicht (Lachen und Beifall). Sie haben nicht genug Spitzenleute oder hochqualifizierte Arbeiter für ihre Spitzenindustrien und kommen daher in unsere Welt, um einige Arbeiter zu rekrutieren, die dann für immer verloren sind.

Wo befinden sich nämlich die besten Wissenschaftler unserer Länder? In welchen Labors? Welches Land von uns besitzt genügend Labors für alle Wissenschaftler, die es ausbilden könnte? Wieviel können wir diesem Wissenschaftler zahlen und wieviel können sie ihm zahlen?

Wo sind sie? Ich kenne viele berühmte Lateinamerikaner, die dort sind. Wer hat sie ausgebildet? Ah ha, Venezuela, Guatemala, Brasilien, Argentinien, irgendein Land Lateinamerikas. In ihrer eigenen Heimat aber haben sie keine Chance. Die Industriestaaten besitzen das Monopol über Labors, Geld, und so nehmen sie sie unter Vertrag und entreißen sie den armen Nationen. Aber das gilt nicht nur für Wissenschaftler, sondern auch für Sportler. Nein, sie würden unsere Baseballspieler gerne kaufen, so wie man früher Sklaven auf diesen Holztribünen, was weiß ich wie die heißen, (Lachen und Beifall) versteigert hat.

Sie sind perfide, weil es immer eine Seele gibt, die man verführen kann - so wie es schon in der Bibel heißt von den ersten Menschen, von denen man annehmen konnte, daß sie die besten sein sollten, nicht wahr? Denn sie sollten eigentlich nicht soviel Bösartigkeit besitzen oder die Konsumgesellschaften kennen. Es gab auch noch keinen Dollar (Lachen). Plötzlich zahlen sie einem Athleten, der nicht aus der besten Kategorie stammt, mehrere Millionen - vier, fünf oder sechs Millionen. Sie veranstalten eine riesige Werbung für ihn und weil es scheint, als seien die Spieler der Großen Ligen ziemlich schlecht, erzielen sie einige Erfolge. Es liegt nicht im entferntesten in meiner Absicht, US-amerikanische Profisportler zu beleidigen - sie sind Menschen, die hart arbeiten und sehr gut bezahlt werden. Waren, die ebenfalls auf dem Markt an- und verkauft werden, wenn auch zu einem hohen Preis. Sie müssen aber wohl einige Schwächen beim Training zeigen, weil sie einige kubanische Pitcher ins Land schmuggeln, die z.B. erster, zweiter oder dritter Kategorie sein können, oder einen shortstop, einen Third Base. Sie kommen ins Land und der Pitcher trickst die besten einheimischen Spieler aus und der shortstop läßt keinen Ball durchgehen (Beifall und Ausrufe).

Wir könnten fast reich werden, wenn wir eine Auktion von kubanischen Baseballspielern veranstalten würden (Lachen und Beifall). Sie wollen nicht länger für die US-amerikanischen Baseballspieler zahlen, weil sie sehr teuer kommen. Sie haben in unseren Ländern Akademien aufgebaut, um sie kostengünstig auszubilden und sie mit weniger Lohn abfinden zu können, wenn wir hier auch noch von einem Jahresgehalt in Millionenhöhe sprechen. Dazu kommt noch das ganze Werbefernsehen, Autos, die so lang sind wie von hier bis dort (er zeigt mit den Händen), bildhübsche Frauen aller Ethnien, die mit der Autowerbung verbunden werden (Lachen), und der Rest der Werbung, die ihr in einigen Klatschzeitschriften und Konsumzeitschriften sehen könnt, können mehr als einen unserer Landsleute in Versuchung führen.

In Kuba stecken wir weder Geld noch andere Mittel in solche Werbefrivolitäten. Die wenigen Male, die ich notwendigerweise das US-Fernsehen anschaue, kann ich es kaum ertragen, weil alle drei Minuten eine Unterbrechung kommt, um eine Werbung einzuschieben und z.B. einen Mann darzustellen, der auf einem Radtrainer trainiert, was so ziemlich das langweiligste ist, was es auf der Welt gibt (Beifall und Ausrufe). Ich sage ja nicht, daß es etwas schlechtes sei, ich meine nur, daß es langweilig ist. Jedes Programm, sogar die melodramatischen Fernsehserien werden an den entscheidensten Liebesszenen unterbrochen (Lachen).

Nach Kuba kommen einige Fernsehserien aus dem Ausland, ich will das gar nicht leugnen, weil wir nicht in der Lage gewesen sind, die notwendige Anzahl selbst zu produzieren. Einige der Serien, die in Lateinamerika hergestellt werden, verführen so sehr unsere Zuschauer, daß sie sogar die Arbeit stehen und liegen lassen. Aus Lateinamerika bekommen wir manchmal auch gutes filmisches Material, aber fast alles, was es auf der Welt gibt, ist reine Yankee-Produktion, Einheitskultur.

In unserem Land wird das wenige Papier, das wir haben, für Schulbücher und unsere wenigen, wenige Seiten starken Zeitungen verwendet. Wir können keine Mittel dafür aufwenden, diese Zeitschriften aus weichem, speziellem Papier - ich weiß nicht, wie man es nennt - herzustellen, die viele Illustrationen haben und die von den Bettlern in den Straßen unserer Hauptstädte gelesen werden, in denen ihnen dieses luxuriöse Automobil samt weiblicher Begleitung oder sogar eine Yacht oder ähnliche Dinge - oder? - (Lachen) angepriesen werden. So werden die Leute allmählich vergiftet von dieser Werbung, so daß sogar die Bettler auf brutale Weise beeinflußt und dazu gebracht werden, vom Himmel auf Erden zu träumen, den ihnen der Kapitalismus anbietet und der ihnen verschlossen bleibt.

Ich versichere euch, daß wir uns in unserem Land mit anderen Dingen beschäftigen. Trotzdem üben sie mit dem Bild einer Art von Gesellschaft Einfluß aus, die nicht nur Entfremdung, Ungleichheit und Ungerechtigkeit hervorbringt, sondern auch wirtschaftlich, gesellschaftlich und ökologisch nicht tragbar ist.

Ich führe gewöhnlich dazu das Beispiel an, daß wenn das Ziel des Konsummodells sein soll, daß es in jedem Haushalt der Bürger von Bangladesch, Indien, Indonesien, Pakistan oder China ein Auto geben soll - diejenigen unter euch, die ein Auto haben, mögen mich bitte entschuldigen, es scheint ja, daß es keine andere Lösung gibt, da es so viele Alleen gibt und die Entfernungen so groß sind. Ich kritisiere nicht, ich warne lediglich vor einem Modell, das unmöglich auf die Welt angewandt werden kann, die dabei ist, sich zu entwickeln (Lachen).

Ihr werdet mich gut verstehen, da auch Caracas nicht mehr viel Platz für noch mehr Autos hat. Ihr werdet wohl drei- und vierstöckige Straßen bauen müssen (Lachen), versteht ihr? Ich stelle mir vor, daß wenn man das in China machen würde, die 100 Millionen Hektar, die sie zur Verfügung stehen haben zur Produktion von Nahrungsmitteln, mit Autobahnen, Garagen und Parkplätzen zuzubauen, würde es keinen Platz mehr geben, um auch nur ein Reiskorn anzubauen.

Das Konsummuster, das sie der Welt aufdrücken, ist verrückt, ja sogar chaotisch und absurd (Beifall).

Ich beabsichtige nicht, aus diesem Planeten ein Kloster von Kartäusermönchen zu machen (Lachen), aber denke sehr wohl, daß dieser Planet keine Alternative dazu hat, festzulegen, welche erreichbaren und tragbaren Konsummuster oder -modelle zu verfolgen sind, nach denen die Menschheit gebildet werden soll.

Immer weniger Menschen nehmen heute ein Buch in die Hand. Warum soll man aber den Menschen des Genusses berauben, z.B. ein Buch zu lesen oder vieler andere Genüsse aus dem kulturellen Bereich und der Freizeit, und dies in einem Klima nicht nur materieller, sondern auch geistiger Bereicherung? Ich denke nicht an Menschen, die wie zu Zeiten Engels 14 oder 15 Stunden am Tag arbeiteten. Ich denke an Menschen, die vier Stunden täglich arbeiten. Warum auch die gleiche Arbeit auf acht Stunden ausdehnen, wenn es die Technologie erlaubt? Das logischste und grundlegendste dabei ist, daß mehr Produktivität und weniger körperliche oder geistige Anstrengung zu weniger Arbeitslosigkeit und mehr Freizeit für den Menschen führen sollte (Beifall).

Denjenigen, der nicht die ganze Woche arbeiten muß, nennen wir einen freien Menschen, inklusive Samstag, Sonntag und doppelte Arbeitsschichten, weil er mit dem Geld nicht auskommt. Per U-Bahn oder Bus eilt er pausenlos durch die Großstädte. Wem kann man da vormachen, daß dieser Mensch frei ist (Beifall)?

Wenn Computer und Automaten Wunder in der Herstellung von materiellen Gütern und Dienstleistungen bewirken können, warum kann sich dann der Mensch nicht zum Wohle der Menschheit der Wissenschaft bedienen, die er mit seiner Intelligenz geschaffen hat?

Warum muß der Mensch von heute aufgrund von ausschließlich wirtschaftlichen Gründen, den Gewinnen und Interessen superprivilegierter und mächtiger Eliten unter der Herrschaft von chaotischen Wirtschaftsgesetzen und Institutionen, die nicht ewig sind, es nie waren und es auch nie sein werden, wie das berühmte Gesetz des Marktes, der Gegenstand der Vergötterung geworden ist - hochheiliges Wort, das allzeit tagein tagaus erwähnt wird -, Hunger, Arbeitslosigkeit, frühzeitigen Tod, heilbare Krankheiten, Ignoranz, Unbildung und anderes menschliches und gesellschaftliches Unheil ertragen, wo man doch all die notwendigen Reichtümer schaffen könnte, um gerechtfertigte menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, die vereinbar sind mit dem Schutz der Umwelt und dem Leben auf unserem Planeten? Man muß darüber nachdenken, muß zu Definitionen gelangen. Es scheint natürlich grundlegend gerechtfertigt, daß der Mensch über Nahrung, Gesundheit, ein Dach über dem Kopf, Kleidung, Bildung, ein angemessenes, sicheres und vertretbares Verkehrswesen, Kultur, Erholungsangebote, eine breite Palette von Wahlmöglichkeiten für seinen Lebensverlauf und noch tausend andere Sachen verfügt, die der Mensch erreichen könnte, wozu natürlich kein Privat-Jet und keine Yacht für jeden einzelnen der 9,5 Milliarden Menschen zählt, die in nicht mehr als 50 Jahren die Erde bewohnen werden.

Sie haben den menschlichen Geist verunstaltet.

Gott sei Dank gab es in der Zeit des Gartens Eden und der Arche Noah, von der uns das Alte Testament berichtet, keine dieser Dinge. Ich kann mir vorstellen, daß es sich damals ein bißchen beschaulicher lebte (Lachen). Nun gut, es gab eine Sintflut, aber auch wir haben sie und zwar ziemlich häufig. Schaut nur, was kürzlich in Mittelamerika passiert ist. Und bei den ganzen Klimaveränderungen weiß niemand, ob wir uns letztlich nicht den Eintritt für eine Arche kaufen, erwerben oder dafür anstehen müssen (Lachen).

So ist es, all das haben sie den Menschen eingeschärft; sie haben Millionen, Dutzende von Millionen und Hunderte Millionen Menschen entfremdet, und sie leiden umso mehr, desto weniger sie in der Lage sind, ihre Grundbefürfnisse zu befriedigen, weil sie nicht einmal einen Arzt und keine Schule haben.

Ich habe die anarchische, irrationale und chaotische Formel angesprochen, die der Neoliberalismus gebracht hat: Die Investition von Hunderten von Milliarden ohne irgendeine Ordnung oder Einklang; Dutzende von Millionen Arbeiter, die alle die gleichen Sachen herstellen: Fernseher, Computerteile, Clips oder Chips, wie sie auch immer heißen (Lachen), eine endlose Zahl von Artikeln und Gegenständen, darunter auch Berge von Automobilen. Alle machen das gleiche.

Sie haben das Doppelte der notwendigen Kapazität geschaffen, um Autos zu bauen. Woher kommen die Kunden für die Autos? Sie sind in Afrika, in Lateinamerika und in vielen anderen Teilen der Welt, nur haben sie keinen Pfennig, um sie zu kaufen, auch nicht um Benzin, Autobahnen oder Werkstätten zu erwerben, die die Länder der Dritten Welt nur noch mehr ruinieren, Ressourcen verschwenden, die für die gesellschaftliche Entwicklung benötigt werden und die Umwelt noch mehr zerstören würden.

Durch die Schaffung von untragbaren Konsummustern in den Industriestaaten und durch das Wecken von unerfüllbaren Träumen auf dem Rest des Planeten, hat das entwickelte kapitalistische System der Menschheit bereits einen großen Schaden zugefügt. Es hat die Atmosphäre verschmutzt und riesige nicht nachwachsende Naturressourcen erschöpft, die das menschliche Geschlecht in der Zukunft bitter nötig haben wird. Denkt bitte nicht, daß ich jetzt an eine idealistische, unmögliche und absurde Welt denke. Ich versuche darüber nachzudenken, was eine reale Welt und ein glücklicher Mensch sein kann. Dazu muß man wohl keine Ware als Beispiel anführen - ein Begriff reicht aus: die Ungleichheit macht jetzt bereits 80% der Erdenbewohner unglücklich, und das ist nur ein Begriff.

Man muß Konzepte suchen und man muß Ideen haben, die eine machbare Welt, eine nachhaltige Welt, eine bessere Welt erlauben.

Was viele der Theoretiker des Neoliberalismus und der neoliberalen Globalisierung schreiben, ist für mich unterhaltsam. Ehrlich gesagt habe ich auch nur wenig Zeit, um ins Kino zu gehen - fast nie - oder Videos, selbst wenn sie gut sind, zu sehen. Es gibt einige gute. Ich lese die Artikel dieser Herren, wenn ich Abwechslung brauche (Lachen). Ich lese ihre scharfsinnigsten, gebildetsten Analysten und Kommentatoren und sehe, wie sie sich in eine Menge Widersprüche und Verwirrungen verwickeln - sogar in Verzweiflung, weil sie die Quadratur des Kreises erzwingen wollen. Das muß für sie schrecklich sein (Beifall).

Ich erinnere mich, daß man mir einmal eine kleine quadratische Figur gezeigt hat, die oben solche zwei Linien hatte, eine in der Mitte und eine andere nach unten (er beschreibt die Figur), es ging nun darum, sie zu zeichnen, ohne den Bleistift abzusetzen. Ich weiß nicht, wieviel Zeit ich damit verloren habe (Lachen), dies zu bewerkstelligen, anstatt die Hausaufgaben zu machen, Mathematik, Spanisch und andere Dinge zu lernen, weil es damals noch nicht diese kleinen Spielzeuge gab, die die Industrie erfunden hat, um die Schüler vom Unterricht abzulenken, damit sie in der Schule durchfallen, haben wir zu meiner Zeit selbst Dinge erfunden, mit denen wir ziemlich viel Zeit verloren haben.

Aber ich werde unterhalten, habe Spaß und genieße die Lektüre, wenigstens das verdanke ich ihnen (Lachen und Beifall). Aber ich danke ihnen auch für das, was sie mich lehren. Und wißt ihr, wer mich mit am meisten mit seinen Artikeln und Analysen unterhält? Jawohl!, die am aller Konservativsten, die nicht einmal das Wort Staat hören wollen, nicht einmal die Erwähnung des Wortes! Diejenigen, die eine Zentralbank auf dem Mond anstreben (Lachen), damit es auch ja keinem Menschen in den Sinn kommt, die Zinsen zu senken oder zu erhöhen. Es ist unglaublich.

Das sind diejenigen, die mich am glücklichsten machen, weil ich mir bei manchen Dingen, die sie sagen, denke: Habe ich mich etwa geirrt, hat diesen Artiklel vielleicht etwa ein Linksextremist, ein Radikaler geschrieben? (Lachen) Aber was ist das? - da ist Soros, der ein Buch nach dem anderen schreibt. Und das letzte Buch habe ich auch lesen müssen, denn mir blieb nichts anderes übrig, weil ich mir sagte: das ist ein Theoretiker, darüberhinaus ist er aber auch Akademiker und hat daneben ich weiß nicht wieviele Milliarden aus Spekulationsgeschäften gewonnen. Der Mann muß also etwas verstehen von den Mechanismen, den Tricks. Aber der Titel, Krise des globalen Kapitalismus hat er sein Buch genannt, ein wahrhaft poetischer Name. Er sagt das mit großem Ernst (Lachen) und anscheinend mit einer so starken Überzeugung, das ich mir sage: Verdammt noch mal!, es scheint so, daß ich nicht der einzige Verrückte auf dieser Welt bin! (Lachen und Beifall). Es gibt viele, die eine ähnliche Besorgnis zum Ausdruck bringen und ich schenke ihnen noch mehr Aufmerksamkeit als den Gegnern der bestehenden Weltwirtschaftsordnung.

Der Linke wird auf alle Fälle beweisen wollen, daß das untergeht (Lachen). Das ist logisch, das ist seine Pflicht und außerdem hat er Recht (Lachen); aber der andere will das auf gar keinen Fall. Angesichts von Katastrophen, Krisen, Bedrohungen jeglicher Art, geraten sie in Verzweiflung und schreiben viele Sachen. Sie sind verwirrt - mindestens das kann man feststellen. Sie haben den Glauben an ihre Doktrin verloren.

Wir also, die wir uns entschlossen, einsam Widerstand zu leisten - und ich rede nicht von der geographischen Einsamkeit, sondern von der beinahe ausschließlichen Einsamkeit auf dem Gebiet der Ideen, weil Unglücke Folgen haben, Skepsis, die vervielfacht wird von der erfahrenen und mächtigen Werbemaschinerie des Imperiums und seiner Alliierten. Das alles führt bei vielen Menschen zu Pessimismus und Verwirrung. Sie haben nicht das nötige Urteilsvermögen, um Situationen mit einer historischen Perspektive zu untersuchen und verlieren so den Mut.

Ach, wie bitter waren jene Tage, jene ersten Tage und die Zeit vor den ersten Tage, als wir viele Leute hier und dort sahen, die ihre Hemden wechselten - ich will wirklich niemanden kritisieren, ich kritisiere die Hemden (Lachen und Beifall). Ach, in wie kurzer Zeit haben wir gesehen, wie sich alles ändert, und jene Illusionen sind in Vergessenheit geraten, haben - wie man in Kuba sagt und ich weiß nicht, ob man das hier auch kennt - weniger Zeit überdauert als ein Baiser an der Schulpforte (Lachen).

Dort, in der ehemaligen UdSSR, kamen sie mit ihren neoliberalen Marktrezepten an und haben unglaublichen Schaden angerichtet, wirklich unglaublich! Sie haben Nationen zerschlagen, Republikföderationen wirtschaftlich und politisch auseinandergetrieben. Sie haben in einigen der Republiken die Lebenserwartung um 14 und 15 Jahre gesenkt, sie haben die Kindersterblichkeit verdrei- oder vervierfacht, sie haben gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme geschaffen, die sich nicht einmal Dante ausmalen könnte, wenn er denn wiederauferstehen würde.

Es ist wirklich traurig, und diejenigen von uns, die versuchen, so gut wie möglich informiert zu sein über das, was überall auf der Welt geschieht - uns bleibt ja nichts anderes übrig als es in Erfahrung zu bringen, wenn wir nicht desorientiert sein wollen, d.h. uns mehr oder weniger, genauer oder weniger genau zu informieren -, haben unserer Meinung nach eine ziemlich genaue Vorstellung von dem Unglück, das der Gott des Marktes mit seinen Gesetzmäßigkeiten, seinen Prinzipien und den vom Internationalen Währungsfonds und den anderen neokolonialisierenden oder rekolonialisierenden Institutionen des Planeten empfohlenen und aufgezwungenen Rezepten für praktisch alle Länder verursacht hat. Das geht sogar soweit, daß reiche Länder wie die europäischen Staaten gezwungen werden, sich zusammenzuschließen und eine gemeinsame Währung zu schaffen, damit so ausgebuffte Männer wie Soros nicht sogar das Pfund Sterling zugrunde richten, das vor nicht all zu langer Zeit die Königin unter den Tauschmitteln war - Waffe und Symbol des herrschenden Empires und weltweite Reservewährung. All diese Privilegien besitzen heute die Vereinigten Staaten. Die Engländer mußten sogar noch die Schmach ertragen, ihr Pfund Sterling auf dem Boden zu sehen.

Das gleiche hat man mit der spanischen Pesete gemacht, mit dem französischen Franc, der italienischen Lira - sie spielten mit dem dicken Polster ihrer Milliarden im Rücken, weil Spekulanten Spieler sind, die mit gezinkten Karten spielen. Sie besitzen die gesamte Information und die erfahrendsten Ökonomen und Nobelpreisträger, wie etwa jene von diesem berühmten Unternehmen, das einmal das angesehendste der gesamten USA war, mit dem Namen Verwaltungsgesellschaft für langfristig angelegtes Kapital. Auf Englisch sagt man glaube ich Long-Term Capital Management - entschuldigt meine "ausgezeichnete" Aussprache im Englischen (Lachen). Ich bevorzuge die spanische Bezeichnung, aber man kennt die Gesellschaft überall auf der Welt bereits unter ihrem ursprünglichen Namen, der fast schon fester Bestandteil des Spanischen ist. Mit einem Fonds von insgesamt 4,5 Milliarden Dollar bewegten sie 120 Milliarden, um damit Spekulationsgeschäfte zu betreiben.

Auf ihrer Gehaltsliste standen zwei Nobelpreisträger sowie die erfahrendsten Computerprogrammierer und trotzdem könnt ihr sehen, daß sich die erlauchten Gentlemen geirrt haben, denn es passieren soviele seltsame Dinge, mit denen sie nicht immer gerechnet haben: Wenn der Unterschied zwischen den auf 30 und 29 Jahre angelegten Schatzanweisungen etwas aus dem annehmbaren Rahmen fiel, entschieden unverzüglich alle Computer und sämtliche Nobelpreisträger, davon soundsoviel und auf Kosten der anderen soundsoviel verkaufen zu müssen. Sie bekamen dann aber Probleme mit der Krise, die sie ausgelöst hatten und die sie auch nicht erwartet hatten. Sie dachten, schon das Wunder eines wachsenden, wachsenden und immer weiter wachsenden Kapitalismus gefunden zu haben, in dem es keine einzige Krise mehr geben würde.... Zum Glück ist ihnen das nicht vor zweitausend oder dreitausend Jahren in den Sinn gekommen! Wir haben Glück gehabt, daß es so lange gedauert hat, bis Kolumbus diesen Kontinent entdeckte (Lachen), und man bestätigte, daß die Erde rund ist. Zudem verzögerten sich noch andere wirtschaftliche, gesellschaftliche und wissenschaftliche Fortschritte, auf die dieses System wurzeln konnte, das gerade untrennbar mit Krisen einhergeht, weil es anderenfalls vielleicht keine Menschen mehr auf diesem Planeten geben würde. Es wäre möglich, daß dann überhaupt nichts mehr existieren würde.

Die von Long-Term, wie man sie umgangssprachlich nennt, haben sich geirrt und haben Verluste gemacht. Eigentlich schon mehr eine Katastrophe. Um die Krise zu meistern, mußten sie gegen alle ethischen, moralischen und finanziellen Regeln verstoßen, die die USA der Welt aufgezwungen hat und der Präsident der Federal Reserve Bank mußte vor dem Senat erklären, daß es unweigerlich zu einer wirtschaftlichen Katastrophe in den Vereingten Staaten und dem Rest der Welt kommen würde, wenn man diesen Fonds nicht retten würde.

Eine andere Frage: Was ist das für eine Wirtschaft, die heute die Vorherrschaft ausübt und in der drei oder vier Multimillionäre - und nicht einmal die großen wie Bill Gates oder andere ähnliche Männer - nein, Bill Gates besitzt etwa fünfzehn Mal mehr das Startkapital von Long-Term, mit dem diese Gesellschaft enorme Summen der Sparer bewegt hat und ihr dabei Kredite von mehr als 50 Banken eingeräumt wurden - eine Wirtschaftskatastrophe in den Vereinigten Staaten und im Rest der Welt verursachen können? Ja, Ja, die Weltwirtschaft wäre zusammengestürzt, wenn man sie nicht gerettet hätte - das hat einer der kompetentesten und intelligentesten Männer gesagt, die die USA haben, der Präsident der Federal Reserve Bank. Dieser vornehme Mann weiß mehr als nur vier Sachen, er verrät sie nur nicht alle, weil das Teil der Methode ist, bei der es absolut keine Transparenz gibt und immer dann, wenn Panik ausbricht, große Mengen von Beruhigungsmitteln sowie süße und aufbauende Worte verschrieben werden: "Alles ist in Ordnung, der Wirtschaft geht es ausgezeichnet", etc. Das ist die Technik, die allseits anerkannt ist und stets angewandt wird. Aber der Präsident der Federal Reserve Bank mußte vor dem Senat der Vereinigten Staaten zugeben, daß es zu einer Katastrophe kommen würde, wenn man nicht das gemächt hätte, was gemacht wurde.

Das sind die Grundlagen der neoliberalen Globalisierung. Zählt eine weniger, ihr könnt auch noch 20 mehr von ihrem schwachen Gerüst abziehen, keine Sorge. Was sie geschaffen haben, ist untragbar! Aber sie haben damit viele Menschen in vielen Teilen der Welt in Not gebracht, sie haben mit den Formeln des Internationalen Währungsfonds ganze Nationen ruiniert und ruinieren immer mehr Staaten. Sie können den Ruin dieser Staaten nicht vermeiden, sie treiben weiterhin ihre Verrücktheiten. An den Börsen haben sie den Wert der Aktien in die Höhe getrieben und treiben ihn weiterhin bis ins Unendliche in die Höhe.

An den Wertbörsen der Vereingten Staaten haben die US-amerikanischen Familien mehr als ein Drittel ihrer Ersparnisse und 50% der Pensionsfonds in Aktien angelegt. Stellt euch nur einmal eine Katastrophe wie die von 1929 vor, als nur 5% ihre Ersparnisse in Börsenpapieren angelegt hatten. Sie machen heute einen großen Schrecken durch, sie laufen wild umher, so wie nach der Krise letzten August in Rußland, dessen Anteil am weltweiten Bruttoinlandsprodukt nur 2% ausmacht, die aber den Dow-Jones-Index, den Star-Index an der New Yorker Börse, an einem Tag um 500 Punkte fallen ließ. Um 512 Punkte, um genau zu sein. Daraufhin gab es dann ein hektisches Durcheinander.

Was wir mit Sicherheit von den Führungskräften dieses herrschenden Systems sagen können, ist, daß sie den ganzen Tag über auf der ganzen Welt zwischen Banken und Instituten hin und her eilen (Lachen). Als sie sahen, was in Rußland geschah, kam es zu einer wahren Laufolympiade. Sie trafen sich beim Rat des Außenministeriums in New York; Clinton hielt eine Rede, in der er behauptete, daß die Gefahr nicht in einer Inflation läge, sondern in einer Rezession und so haben sie in wenigen Tagen, praktisch in einigen Stunden, eine 180-Grad-Drehung vollzogen und den Zinssatz gesenkt, anstatt ihn, wie geplant, heraufzusetzen. Sie haben am 5. und 6. Oktober vergangenen Jahres sämtliche Direktoren von Zentralbanken in Washington zusammengerufen, Reden gehalten, ich weiß nicht wieviel Kritik am Internationalen Währungsfonds geübt und vermeintliche Maßnahmen getroffen, um zu sehen, wie sie die Gefahr bannen konnten. Einige Tage später rief die Regierung der Vereinigten Staaten die G-7-Gruppe zusammen, die entschied, 90 Milliarden Dollar dazu beizutragen, damit sich die Krise nicht auf Brasilien und über Brasilien auf ganz Südamerika ausbreiten sollte. Sie versuchten damit zu vermeiden, daß das Feuer die eigenen superaufgeblähten Börsen der Vereinigten Staaten erreichte, da es nur einer Nadel, eines kleinen Löchleins bedarf, damit der Ballon in sich zusammenfällt. Da seht ihr die Risiken der neoliberalen Globalisierung.

All das haben sie gemacht und als sogar einige von uns dachten, wie ich selbst auch, - ich brachte dies zum Ausdruck -: "Sie besitzen die Mittel und die Einflußmöglichkeiten, um die große Krise noch ein wenig aufzuschieben" -, ja, aufzuschieben, nicht aber, um sie letztlich zu vermeiden, so dachte ich über das Problem nach und ich sagte mir: Es scheint so, als hätten sie es mit all den getroffenen oder aufgezwungenen Maßnahmen geschafft: das Senken des Zinssatzes, die 90 Milliarden zur Unterstützung des Fonds, der über keine Fonds mehr verfügte (Lachen), die Schritte Japans zur Bekämpfung der Bankenkrise, die Verlautbarung Brasiliens, starke wirtschaftliche Maßnahmen zu treffen, die gelegene Mitteilung, daß die US-Wirtschaft im dritten Quartal mehr als erwartet gewachsen ist. Es schien so, als ob sie die Sache aufhalten könnten. Und jetzt, vor einigen Tagen erst, sind wir alle wieder überrascht von den Nachrichten aus Brasilien über die wirtschaftliche Lage, die eingetreten ist, was uns aus Gründen, die mit dieser Frage zu tun haben, wirklich sehr schmerzt, denn im Hinblick auf die notwendigen Anstrengungen unserer Völker, um Kräfte zu vereinen und den harten Kampf aufzunehmen, der uns erwartet, wäre eine vernichtende Krise in Brasilien für Lateinamerika äußerst negativ.

Trotz aller Maßnahmen, die sie eingeleitet haben, sehen sich die Brasilianer zur Zeit einer schwierigen wirtschaftlichen Lage gegenüber, wobei die Vereinigten Staaten und die internationalen Finanzorganisationen einen Großteil ihrer Munition verschossen hatten und mit ihrem Latein fast am Ende waren. Jetzt, wo die ersten Monate nach dem großen Schrecken vorüber sind, fordern sie neue Bedingungen und scheinen dem Schicksal Brasiliens noch gleichgültiger gegenüberzustehen.

Rußland wollen sie weiterhin am Rande des Abgrundes halten. Es ist kein kleines Land, es ist das flächenmäßig größte Land der Welt und es leben dort 146 Millionen Menschen, es gibt Tausende von Atomwaffen und eine gesellschaftliche Krise, ein innerer Konflikt oder irgend etwas anderes kann schreckliche Schäden anrichten.

Diese Herren, die die Weltwirtschaft lenken, sind so verrückt und so verantwortungslos, daß es ihnen, nachdem sie das Land mit ihren Rezepten ruiniert haben, nicht einmal in den Sinn kommt, ein wenig von diesen Papieren, die sie gedruckt haben - das nämlich sind letzenendes die Schatzanweisungen, wenn die erschreckten Spekulanten sich vor jedem etwaigen Risiko schützen, indem sie Schatzanweisungen der Vereinigten Staaten kaufen -, es ihnen nicht in den Sinn kommt, ein wenig der 90 Milliarden Unterstützung für den Fonds dafür zu verwenden, um eine wirtschaftliche und politische Katastrophe in Rußland zu vermeiden. Dazu fällt ihnen nur ein, ihnen eine Menge von Bedingungen zu stellen, die sie unmöglich anwenden können. So verlangen sie von ihnen Haushaltskürzungen, die jetzt bereits unterhalb der Mindestgrenze liegen. Sie verlangen eine freie Konvertierbarkeit, die unverzügliche Begleichung riesiger Schulden, d.h. all jene Maßnahmen, die sämtliche Reserven aufbrauchen, über die ein Land verfügen kann. Sie überlegen nicht, sie haben nichts dazu gelernt. Sie wollen Rußland einer prekären Situation am Rande des Abgrundes überlassen, humanitäre Hilfe leisten, Konditionen verlangen und schaffen letztlich wirklich ernsthafte Probleme.

Weder das Problem Rußlands ist gelöst - ein Land, das sie durch ihre Berater und ihre Formeln ruiniert haben -, noch haben sie das Brasiliens gelöst - ein Problem, an dessen Lösung sie sehr wohl interessiert waren, weil es sie selbst hätte treffen können. Mir schien es z.B., daß Brasilien der letzte Schützengraben war, der vor den Börsen der Vereinigten Staaten lag.

Sie haben einen großen Schrecken davongetragen. Durch einige der getroffenen Maßnahmen haben sie die Börsen etwas stabilisiert. Erneut ging das An- und Verkaufen von Aktien los und erneut bestreiten sie einen Wettlauf in sphärische Höhen und schaffen dadurch die Bedingungen für eine größere und relativ baldige Krise. Man weiß nicht, welche Folgen sie für die Wirtschaft und die Gesellschaft der Vereinigten Staaten haben wird.

Es ist unmöglich, sich vorzustellen, was passieren würde, wenn es dort zu einer Krise wie 1929 kommen würde. Sie glauben, daß sie die Risiken einer Krise wie die von 1929 aus dem Weg geräumt haben, es zeigt sich aber, daß nichts aus dem Weg geräumt ist. Sie haben nicht einmal die Brasilienkrise vermeiden können und können foglich dem gesamten Integrationsprozeß Südamerikas Schaden zufügen, dem gesamten lateinamerikanischen Integrationsprozeß sowie den Interessen all unserer Länder. Daher sprach ich auch von der soeben erhaltenen schlechten Nachricht.

Aber für alles gibt es einen Grund, eine Erklärung und wenn man nur genau darauf achtet, was sie denken, was sie sagen, was sie machen, schafft man es, zu erraten, was sie wirklich im Schilde führen. Das Wichtigste ist, daß man diesen Leuten nicht abnimmt, was sie erzählen, sondern ausgehend von dem, was sie sagen, versucht in ihren Kopf vorzudringen - mit dem geringstmöglichen Trauma, die Armen, um ihnen keinen Schaden zuzufügen (Lachen) -, um zu erfahren was sie denken, zu wissen, was sie nicht gesagt haben und warum sie es nicht gesagt haben.

So verhalten sie sich. Daher ist es wirklich äußerst interessant, bietet uns eine bereichernde Reflexion und eine Bestätigung unserer Überzeugungen in diesen Tagen der Ungewißheit, von der ich sprach, der Verbitterung, des Glaubensverlustes nicht weniger Menschen mit progressiven Ideen, zu sehen, wie jetzt viele Wahrheiten deutlich werden, viele Leute allmählich tiefer nachdenken und jene, die sich mit dem Ende der Geschichte und dem endgültigen Sieg ihrer anachronistischen und egoistischen Konzepte brüsteten, heute auf dem absteigenden Ast und offenkundig demoralisiert sind.

Diese acht Jahre - sagen wir von 1991 an, d.h. seit dem Zusammenbruch der UdSSR bis heute - waren für uns in jedem Sinne harte Jahre. Aber auch im diesem Sinne, in bezug auf Ideale, Konzepte. Und jetzt sehen wir, wie die Supermächtigen, die glaubten, ein tausendjähriges System, ja sogar Imperium geschaffen zu haben, zu bemerken beginnen, wie das Fundament dieses Imperiums und dieses Systems, dieser Ordnung, bröckelt.

Was hat uns dieser globale Kapitalismus oder diese neoliberale kapitalistische Globalisierung gebracht? Nicht nur ausgehend von diesem uns bekannten, sondern angefangen von der Wurzel selbst. Jener Kapitalismus, aus dem der zur Zeit beherrschende hervorging, der gestern noch progressiv und heute reaktionär und untragbar ist. Was hat er uns im Laufe eines Prozesses gebracht, den viele von euch, die Historiker und selbst diejenigen, die keine sind, wie etwa die Studenten der Wirtschaftswissenschaften, kennen müßten: Ein Prozess mit einer 250 bis 300jährige Geschichte, deren grundlegender Theoretiker, Adam Smith, im Jahre 1776 - im selben Jahr der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten - sein allseits bekanntes Buch veröffentlichte. Zweifellos ein großes Talent, ein großer Intellektueller; ich glaube nicht ein großer Sünder, ein Schuldiger, ein Gauner. Er war Gelehrter jenes Wirtschaftssystems, das in Europa entstand und gerade in voller Blüte stand. Er dachte nach, forschte und legte das theoretische Fundament des Kapitalismus - des Kapitalismus jener Zeit, denn den von heute hätte sich Adam Smith nicht einmal erträumen können.

In jener Zeit der winzigen Werkstätten und kleinen Fabriken, ging er davon aus, daß die Hauptmotivation für die wirtschaftliche Aktivität aus dem individuellen Interesse entspringe, und daß das private Verfolgen dieses Ziels im Wettbewerb der größte Quell des öffentlichen Wohlstands sei. Es bedurfte nicht der Menschenfreundlichkeit des Menschen, sondern der Liebe zu sich selbst.

Das Eigentum und das private Unternehmen war die einzige kompatible Form mit jener Welt der Kleinindustrien, die Adam Smith kannte. Er erlebte nicht einmal mehr die großen Fabriken und die eindrucksvollen Arbeitermassen, die noch gegen Ende des 18. Jahrhunderts auftauchten. Umso weniger noch konnte er sich die riesigen modernen Kapitalgesellschaften und transnationalen Unternehmen mit Millionen von Aktien vorstellen, deren Verwalter professionelle Manager sind, die nichts mit dem Eigentum derselben zu tun haben und deren Arbeit sich darauf beschränkt, ab und an den Aktionären einen Rechenschaftsbericht zu liefern. Sie sind diejenigen, die entscheiden, welche Dividenden ausgezahlt werden, wieviel und wo investiert wird. Diese Form des Eigentums, der Führung und des Anteils an den Reichtümern hat nichts zu tun mit der Welt, die er kannte.

Das System aber entwickelte sich weiter und nahm einen beachtlichen Aufschwung mit der industriellen Revolution in England. Die Arbeiterklasse entstand und es kam jemand auf, der meiner Meinung nach in jeglichem Hinblick auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet der größte Denker war - Karl Marx. Niemand lernte sogar mehr über die Gesetzmäßigkeiten und die Prinzipien des kapitalistischen Systems als Marx. Geängstigt von der aktuellen Krise lesen nicht wenige Mitglieder der kapitalistischen Elite Marx, weil sie bei ihm Diagnosen und mögliche Heilmittel für die Übel von heute suchen. Mit ihm war das sozialistische Konzept als Gegenentwurf des Kapitalismus entstanden.

Der Kampf zwischen diesen Ideen, die beide Denker symbolisierten, hat lange Zeit angedauert und dauert noch immer an. Der ursprüngliche Kapitalismus hat sich unter den Prinzipien seines berühmtesten Theoretikers weiterentwickelt - wir könnten sagen bis zum Ersten Weltkrieg.

Es gab bereits vor dem Ersten Weltkrieg ein gewisses Niveau der Globalisierung. Es gab im internationalen Währungssystem den Goldstandard. Danch kam die große Krise von 1929 mit der großen Rezession, die mehr als 10 Jahre dauerte. Mit großer Kraft trat dann als einer der vier Grundpfeiler des Wirtschaftsdenkens der letzten drei Jahrhunderte, mit seiner enormen politischen Bedeutung, ein anderer Denker auf, der den unauslöschlichen Stempel seiner Vordenker trug - John Maynard Keynes. Für seine Zeit besaß er fortschrittliche Ideen - nicht so wie die von Marx, ganz und gar nicht, wenn er Marx gegenüber auch einen ziemlichen Respekt zollte und mit ihm in einigen Punkten übereinstimmte. Er sollte die Formel ausarbeiten, die die Vereinigten Staaten aus der großen Depression führte.

Nicht er allein natürlich. Es gab eine Gruppe von Akademikern, die mit ihm übereinstimmten oder doch ziemlich von ihm beeinflußt waren. In jener Zeit gab es kaum Ökonomen, auch wurde ihnen nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt - ich weiß nicht, ob das nun gut oder schlecht war, das hängt vom Standpunkt ab (Lachen). Aber es kamen bereits gut ausgebildete Gruppen auf, die über viele statistische Informationen verfügten und große Untersuchungen durchführten. Während der Regierungszeit von Roosevelt waren viele von ihnen in einem Land, das ausgezehrt war und Angst hatte vor einer endlosen Rezession. Herausragende Mitglieder des Kabinetts oder anderer Institutionen und die Theorien von Keynes halfen, den Kapitalismus aus seiner bis dahin schwersten Krise zu führen.

Der Goldstandard wurde zeitweilig ausgesetzt und später durch Roosevelt, wenn ich mich recht erinnere, 1934 wieder eingeführt. Ich weiß, daß er bis 1971 beibehalten wurde. Ich glaube, er hat ohne Unterbrechungen 37 Jahre lang gegolten, bis Herr Nixon kam und uns das große Imperium allesamt betrog (Lachen).

Ihr fragt euch vielleicht zu Recht, warum ich euch davon erzähle. Ich habe diese Persönlichkeiten erwähnt - wenn mir auch noch die vierte fehlt -, weil es für uns sehr wichtig ist, zu versuchen, gut die Geschichte des Systems kennenzulernen, das in diesem Augenblick die Welt regiert mitsamt seiner Anatomie, seinen Prinzipien, seiner Entstehungsgeschichte und seinen Erfahrungen, um vollends zu begreifen, daß jene Kreatur, die vor rund drei Jahrhunderten zur Welt kam, in seinen Endzügen liegt (Beifall). Es ist gut, sie zu kennen und man muß sich beinahe beeilen, die Autopsie durchzuführen, bevor sie vollends dahingeschieden ist, falls mit ihr zusammen auch viele von uns sterben werden oder falls es mit dem Sterben etwas länger als erwartet dauert, wir alle verschwinden (Lachen und Beifall).

Ich sprach von dem Goldstandard, weil er in bezug auf die Probleme, mit denen wir es heute zu tun haben, eine sehr wichtige Rolle gespielt hat. Gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges versuchte man eine Institution zu schaffen, die den Welthandel regulieren und antreiben sollte. Die wirtschaftliche Lage war als Folge des langen, zerstörerischen und blutigen Krieges wirklich verheerend. So kam es zu dem berühmten und bekannten Abkommen von Bretton Woods, das von einigen Ländern - unter ihnen die einflußreichsten und reichsten - ausgearbeitet wurde.

Das reichste von allen waren bereits die Vereinigten Staaten, die zu dieser Zeit 80% des auf der Welt existierenden Goldes besaßen. Sie schufen eine Währung mit einem festen Wechselkurs auf der Grundlage des Goldes, den sogenannten Gold-Dollar-Standard, wie man sagen könnte, weil das Gold mit der US-Währung verbunden wurde, die daraufhin zur internationalen Reservewährung wurde. Das verlieh den Vereinigten Staaten eine enorme Machtfülle und ein besonderes Privileg, das sie bis jetzt für ihre eigenen Interessen genutzt haben. Es gab ihnen die Macht, die Weltwirtschaft zu steuern, Regeln einzuführen und den Internationalen Währungsfonds zu beherrschen, wo es 85% aller Stimmen bedarf, um einen Beschluß zu fassen, sie aber mit 17,5% jede Entscheidung dieser Institution blockieren können und daher den Währungsfonds dominieren, ja praktisch sein Besitzer sind. Sie haben das letzte Wort und haben es geschafft, die Weltwirtschaftsordnung durchzusetzen, unter der wir zu leiden haben.

Vorher bediente sich Nixon jedoch eines Tricks: Anfänglich besaßen sie 30 Milliarden Dollar in Gold, dessen Preis sie mittels einer strikten Marktkontrolle bei 35 Dollar pro sogenannter Troy-Unze stabil hielten. Bald darauf begannen sie ohne zusätzliche Steuereinnahmen Ausgaben zu tätigen, Kriege zu führen ohne Steuereinnahmen. Bei dem Abentuer in Vietnam gaben sie mehr als 500 Milliarden Dollar aus und es ging ihnen das Gold aus. Es blieben ihnen noch 10 Milliarden und es wäre ihnen auch das noch ausgegangen, wenn sie so weitergemacht hätten. Bei einer Rede - ich glaube es war der 17. August 1971 - erklärte er dann öffentlich, daß er die Konversion der US-Währung in Gold aufhebe.

Sie hielten, wie ich bereits sagte, mittels einer strengen Marktkontrolle den Goldpreis immer gleich - die bereits erwähnten 35 Dollar pro Unze. Gab es ein übergroßes Goldangebot kauften sie. Letztlich kostete es sie ja auch nichts, sie lieferten jene Scheine ab und nahmen das Gold, um zu vermeiden, daß der Preis fiel. Gab es eine übergroße Goldnachfrage, die drohte, den Preis in die Höhe zu treiben, machten sie das Gegenteil, sie verkauften Gold aus ihren großen Reserven, um es billiger zu machen. Viele Länder stützten ihre Währungen mit Gold- oder US-Dollarreserven. Es gab zumindest ein relativ stabiles Währungssystem für den Handelsaustausch.

Von dem Augenblick an, als Nixon alle Welt betrog - jeden, der einen solchen Geldschein besaß, und es gab Hunderte Milliarden auf der ganzen Welt als Reserven in den Zentralbanken -, sagt er allen, daß sie kein Recht mehr besäßen, in echtem Gold den Gegenwert ausbezahlt zu bekommen, den jeder US-Geldschein besaß. Das geschah einseitig per Präsidentendekret oder ich weiß nicht durch welchen Rechtserlaß auch immer. Es war nicht einmal eine Entscheidung des Kongresses. Auf diese Weise hob er die heiligste, mittels eines internationalen Abkommens eingegangene, Verpflichtung auf.

Das Gold haben sie behalten. Danach zog der Preis an. Das Gold, das sie noch über einen Wert von 10 Milliarden Dollar besaßen, war letztlich viel mehr wert als die 30 Milliarden, die sie anfangs in echtem Gold besaßen. Außerdem behielten sie sämtliche Privilegien des Systems, dem Wert ihrer Schatzanweisungen, ihrer Geldscheine, die gezwungenermaßen auch weiterhin die Reservewährung der Zentralbanken verschiedener Länder war, die ihre gesamten Ausfuhren für den Erwerb der Scheine aufbringen mußten, wohingegen die Vereinigten Staaten sie nur drucken mußten. So erlangten sie eine noch größere wirtschaftliche Macht. Im Gegenzug begannen sie, die Welt zu destabilsieren. Wie? Die anderen Währungen begannen zu schwanken, ihr Wert änderte sich ständig, es kam zu Währungsspekulationen, Spekulationsgeschäften mit dem An- und Verkauf von Währungen, die heute bereits kolossale Ausmaße angenommen haben und auf dem ständigen Schwanken ihres Wertes basieren. Es war ein neues Phänomen entstanden, das nicht mehr aufzuhalten ist.

Die Währungsspekulation, die erst vor 14 Jahren pro Jahr 150 Milliarden Dollar ausmachte, bewegt heute eine Geldmenge von einer Million Millionen täglich. Ihr merkt, daß ich extra nicht das Wort Billion benutze, weil es zwischen Billion im Englischen und im Spanischen ständig zu Verwechslungen kommt (Lachen). Die erste entspricht einer Milliarde, die zweite einer Million Millionen. Diese Zahl nennt man in den Vereinigten Staaten Trillion. Im Spanischen gibt es seit kurzem auch das Wort Milliarde, dem auch 1.000 Millionen entsprechen, um zu versuchen, sich in diesem wahrhaften babylonischen Turm aus Zahlen und Nummern zu verstehen, der zu zahlreichen Verwechslungen sowie Übersetzungs- und Verständnisfehlern führt. Ich sagte, was ich noch einmal wiederhole, damit es klar wird, daß die Währungsspekulation schon mehr als eine Billion Dollar pro Tag bewegt.

In 14 Jahren hat ihr Volumen zweitausend Mal zugenommen. Der Grund dafür liegt in dieser Maßnahme, die die Vereinigten Staaten 1971 trafen, die allen Währungen innerhalb gewisser Grenzen oder völlig frei Schwankungen unterwarf. Daher haben wir es jetzt innerhalb des Kapitalismus mit diesem neuen Phänomen zu tun, das Adam Smith nicht einmal in seinen schrecklichsten Alpträumen in den Sinn gekommen wäre, (Lachen), als er sein Buch über den Reichtum der Nationen schrieb.

Daneben kam es zu anderen, neuen und unkontrollierbaren Phänomenen - eines sprach ich bereits an - die Einlösungsfonds. Jawohl, davon gibt es Hunderte oder Tausende. Rechnet einmal aus, was dort vor sich gehen muß und denkt daran, was es bedeutet, wenn der Präsident der Reservebank der Vereinigten Staaten gesagt hat, daß einer davon zu einer Wirtschaftskatastrophe in den Vereingten Staaten und der Welt geführt haben könnte. Er muß die Realität schließlich genau kennen. Man ahnt es aufgrund von bestimmten Artikeln einiger konservativer Zeitschriften, weil sie Bescheid wissen und manchmal etwas sagen müssen, um ihre Argumentation zu stützen. Sie versuchen jedoch äußerst diskret zu sein. Trotzdem gibt es nicht mehr so viele dumme Leute auf der Welt (Lachen) und es nicht schwer zu erahnen, was sie nicht mitteilen wollten.

Es gibt einen interessanten Satz aus einer sehr bekannten britischen Zeitschrift, in dem die Maßnahme Greenspans in bezug auf den berühmten Fonds kritisiert wird. Es heißt dort ungefähr so: Greenspan verfügte vielleicht über Zusatzinformationen. Es war tatsächlich ein Satz, an den ich mich jetzt nicht genau erinnern kann, er war noch subtiler, aber in dieser Zeitschrift, die keine Dinge erfindet und sich sehr gut auskennt, konnte man erfahren, daß er mehr wußte, als er sagte, und wenn sie auch nicht seine Entscheidung teilte, wußte sie gut, warum der Präsident der Federal Reserve sagte: "Man muß diesen Fonds retten". Es steht außer Zweifel, daß sowohl die Zeitschrift als auch Greenspan wußten, weshalb er dachte, daß es zu einer Kettenreaktion von Bankrotten wichtiger Banken in strategischen Zentren kommen könnte.

Die vierte Persönlichkeit, die eine unverwechselbare Spur in der jüngsten Geschichte der Entwicklung des kapitalistischen ökonomischen Denkens hinterlassen hat, ist Milton Friedman - Vater des strikten Monetarismus, der heute in vielen Ländern der Erde angewandt wird, und den der Internationale Währungsfonds auf besondere Weise als letztes Mittel gegen das Phänomen der Inflation verteidigt, die nach Keynes mit außergewöhnlicher Kraft erneut auftauchte.

Heute gibt es alles: Depression in einigen Ländern, Inflation in anderen, Rezepte und Maßnahmen, die Regierungen destabilisieren. Jeder auf der Welt begreift bereits, daß der Internationale Währungsfonds jedes Land, das er unterstützt, jedes Land, das er vorgibt zu unterstützen, wirtschaftlich ruiniert und politisch destabilisiert. Niemals ist es deutlicher geworden, daß die Unterstützung des Internationalen Währungsfonds ein Kuß des Teufels ist (Beifall).

Erlaubt mir, auf einige Tatsachen hinzuweisen, die ihr euch merken solltet und die folgende Frage zu beantworten, die ich mir stellte, als ich sagte: Was hat uns der Kapitalismus und die neoliberale Globalisierung gebracht? Nach 300 Jahren Kapitalismus gibt es auf der Welt 800 Millionen Hungerleidende - jetzt, in diesem Augenblick, 1 Milliarde Analphabeten, 4 Milliarden Arme, 250 Millionen Kinder, die einer regelmäßigen Arbeit nachgehen, 130 Millionen Menschen ohne Zugang zur Bildung, 100 Millionen, die auf der Straße leben, 11 Millionen Kinder unter fünf Jahren, die jährlich an Unterernährung, Armut und Krankheiten sterben, die vermeidbar oder heilbar sind. Der Unterschied zwischen Reichen und Armen wird innerhalb der einzelnen Länder und zwischen den verschiedenen Ländern immer größer. Die Natur wird erbarmungslos auf beinahe unumkehrbare Weise zerstört, nicht nachwachsende Naturresourcen werden in zunehmenden Maße verschwendet und aufgebraucht. Die Luft wird verschmutzt, das Grundwasser, die Flüsse, die Meere. Es kommt zu Klimaänderungen mit unvorhersehbaren und bereits sichtbaren Folgen. Im letzten Jahrhundert verschwanden mehr als 1 Milliarde Hektar Urwald und eine ähnlich große Fläche hat sich in Wüsten oder nutzlose Fläche verwandelt.

Die Rede dauerte über 4 Stunden. Für die Übersichtlichkeit ist Sie hier auf unterschiedliche Seiten verteilt.

Vorwort

Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5