Fidel Castro

Aula Magna der Zentraluniversität von Venezuela vor venezulanischen Studenten - Vorwort

"Verurteilt mich, die Geschichte wird mich freisprechen "

(Fidel Castro, Moncada-Prozess, Oktober 1953)


Rede in der Aula Magna der Zentraluniversität von Venezuela vor venezulanischen Studenten am 03.02.1999

Teil 1

Ich habe keine schriftliche Rede mitgebracht - leider (Lachen) - aber ich habe mir einige Notizen gemacht, die ich für geeignet erachte, genauer zu erörtern. Und trotz allem - wie dumm (Lachen) - ist mir aufgefallen, daß ich eine Broschüre vergessen habe, die ich sehr aufmerksam gelesen hatte, in der ich Textstellen markiert und Anmerkungen an den Rand geschrieben habe - ich habe sie im Hotel vergessen (Lachen und Beifall). Ich habe jemanden losgeschickt, um sie herzubringen und hoffe, daß sie auftaucht, weil das andere Exemplar eine Kopie ist, in der ich nichts unterstrichen habe.

Ich muß mich nun aber wenigstens förmlich an unsere Zuhörerschaft wenden, oder? (Lachen). Ich werde keine Liste unserer vortrefflichen und zahlreichen Freunde, die wir hier haben, verlesen (jemand aus dem Publikum sagt "Wir können hier nichts verstehen!"). Schau mal, meine Stimme reicht nicht aus, um bis dorthin zu kommen (Lachen und Beifall), denn wenn ich schreie...

Ich dachte eigentlich, daß ihr hier bessere Mikrofone hättet (Lachen). Wer kann da drüben nichts verstehen? Hebt bitte die Hände (sie heben die Hände). Wenn das nicht behoben werden kann, können wir euch einladen, nach vorne zu kommen oder euch irgendwo hinzusetzen, wo ihr hören könnt (Beifall).

Ich werde versuchen, noch näher an dieses kleine Mikrofon zu treten, oder?, aber laßt mich erst einmal beginnen, so wie es sich gehört.

Liebe Freundinnen und Freunde (Beifall),

Zuerst einmal wollte ich euch sagen, daß es heute, am 3. Februar, genau 40 Jahre und 10 Tage her ist, daß ich zu Besuch in dieser Universität war, wo wir uns heute zusammengefunden haben. Ich bin schon ein bißchen bewegt, wie ihr verstehen werdet, - zwar nicht so melodramatisch wie in einigen zeitgenössischen Romanen (Lachen) - angesichts der Tatsache, nach so vielen Jahren wieder zurückgekommen zu sein an diesen Ort, was ich mir damals niemals hätte vorstellen können.

Vor einigen Wochen, als wir in Santiago de Cuba am ersten Januar 1999 an den 40. Jahrestag des Sieges der Revolution erinnerten, dachte ich von dem gleichen Balkon des gleichen Gebäudes, von dem ich an jenem 1. Januar 1959 sprach, mit dem dort versammelten Publikum darüber nach, daß unser Volk von heute nicht das gleiche Volk von damals sei, da von den heute 11 Millionen Landsleuten 7.190.000 nach jenem Tag geboren wurden. Daß es sich um zwei verschiedene Völker handelte, es gleichzeitig aber das gleiche ewige Volk Kubas sei.

Ich erinnerte ebenso daran, daß diejenogen, die damals 50 Jahre alt waren, zum Großteil nicht mehr unter uns weilten, und daß die Kinder von damals heute älter als 40 seien.

Seht nur, wieviele Veränderungen stattgefunden haben, welche Unterschiede es heute gibt und wie wichtig es für uns war, daß dort ein Volk war, das eine tiefgreifende Revolution begann, als es praktisch aus lauter Analphabeten bestand, als 30% der Erwachsenen weder Lesen noch Schreiben konnten und als zusätzlich vielleicht 50% nicht das fünfte Schuljahr erreicht hatten. Vielleicht sogar noch weniger. Wir haben einmal nachgerechnet, daß bei einer damaligen Bevölkerung von 7 Millionen Einwohnern nicht mehr als 250.000 nach dem fünften Schuljahr weiter zur Schule gegangen sind - heute gibt es allein 600.000 Hochschulabgänger und insgesamt 300.000 Hochschuldozenten und Lehrer.

Ich sagte meinen Landsleuten in Ehrung eines Volkes, daß seinen ersten großen Sieg vor 40 Jahren trotz seines enormen Ausbildungsrückstandes erreicht hatte, daß dieses Volk in der Lage war, eine außergewöhnliche revolutionäre Heldentat zu vollbringen und zu verteidigen. Mehr noch: Es ist möglich, daß seine politische Kultur sogar noch hinter dem Ausbildungsniveau lag. Es war die Zeit eines erbitterten Antikommunismus, es waren die letzten Jahre der Mc Carthy-Ära, in der jener mächtige imperiale Nachbar auf jede nur erdenkliche Art und Weise versucht hatte, unserem edlen Volk alle möglichen Lügen und Vorurteile einzutrichtern, so daß ich oft, wenn ich einen normalen Bürger traf, eine Reihe von Fragen stellte: Ob er denke, daß wir eine Landreform durchführen sollten. Ob es nicht gerecht wäre, daß die Familien eines Tages Eigentümer ihrer Wohnungen wären, für die sie manchmal bis zur Hälfte ihres Einkommens an die großen Hausbesitzer bezahlten. Ob er es nicht für richtig erachte, daß all die Banken, auf die die Bürger ihr Geld eingezahlt hatten, anstelle privaten Institutionen zu gehören, Eigentum des Volkes sein sollten, um mit diesem Geld das Land zu entwickeln. Wenn jene Großfabriken, die zum Großteil in ausländischem Besitz waren - einige gehören auch kubanischen Firmen - dem Volk gehören würden und für das Wohl des Volkes produzieren würden. In dieser Art konnte ich zehn oder fünfzehn ähnliche Fragen stellen und er war jedesmal absolut einverstanden: "Ja, das wäre ausgezeichnet."

Also schließlich, wenn all die großen Warenhäuser und all die fetten Geschäfte, die allein ihre privilegierten Besitzer reicher machten, dem Volk gehören würden, um das Volk zu bereichern, wärst du damit einverstanden? "Ja, ja", antwortete er sofort. Er war hundertprozentig einverstanden mit jeder dieser kleinen Vorschläge. Dann fragte ich ihn plötzlich: Wärst du mit dem Sozialismus einverstanden? (Beifall) Antwort: "Sozialismus?" Nein, nein, nein, mit dem Sozialismus nicht." So tief saßen die Vorurteile... Ganz zu schweigen von Kommunismus, das noch ein viel furchteinflößenderes Wort war.

Die revolutionären Gesetze waren es, die am meisten dazu beigetragen haben, in unserem Land ein sozialistisches Bewußtsein zu schaffen. Und es war genau dieses anfangs aus Analphabeten und Halbanalphabeten bestehende Volk, das vielen seiner Söhne Lesen und Schreiben beibringen mußte, das aus reiner Liebe zur Freiheit und dem Drang nach Gerechtigkeit die Tyrannei besiegte und die tiefgreifendste gesellschaftliche Revolution in diesem Teil der Welt vollbrachte und verteidigte.

Knapp zwei Jahre nach dem Sieg schafften wir es 1961, rund eine Million Menschen mit der Unterstützung von jungen Studenten, die zu Lehrern wurden, zu alphabetisieren. Sie gingen auf das Land, in die Berge, in die entlegendsten Gebiete und unterrichteten dort Lesen und Schreiben - darunter sogar 80jährige. Anschließend gab es Folgekurse und es wurden die notwendigen Schritte eingeleitet und ununterbrochenene Anstrengungen unternommen, um das zu erreichen, was wir heute haben. Eine Revolution kann nur die Tochter von Kultur und von Idealen sein.

Kein Volk wird durch Gewalt revolutionär. Derjenige, der Ideale aussät, braucht das Volk nicht zu unterdrücken. Die Waffen in den Händen eben dieses Volkes sind dazu da, gegen diejenigen zu kämpfen, die von außen versuchen, ihm seine Errungenschaften zu entreißen.

Entschuldigt, daß ich über dieses Thema gesprochen habe, weil ich nicht hergekommen bin, um über den Sozialismus oder Kommunismus zu predigen - daß mich niemand falsch versteht -, ich bin auch nicht hergekommen, um radikale Gesetze vorzuschlagen oder ähnliche Dinge. Ich dachte lediglich über erlebte Erfahrungen nach, die uns gezeigt haben, wie wertvoll die Ideale waren, wie wertvoll der Glaube an den Menschen, wie wertvoll das Vertrauen in die Völker war, was außerordentliche wichtig ist in einer Epoche, in der die Menschheit sich einer so komplizierten und schwierigen Zeit gegenübersieht.

Natürlich war es am ersten Januar dieses Jahres in Santiago de Cuba nur mehr als gerecht, auf ganz besondere Weise anzuerkennen, daß jene Revolution, die 40 Jahre lang Widerstand geleistet hat, die es geschafft hatte, diesen Jahrestag zu erreichen, ohne ihre Fahne zu streichen, ohne zu kapitulieren, vor allem jenem dort versammelten Volk zu verdanken war - junge Menschen und reifere Männer und Frauen, die mit der Revolution aufgewachsen sind und in der Lage waren, diese Heldentat durchzuführen. Sie schrieben Seiten vollen edlen und verdienten Ruhms für unser Volk und unsere Brüder in Amerika.

Wir könnten sagen, daß diese Art Wunder, angesichts der mächtigsten Macht, dem größten Imperium, daß es jemals in der Menschheitsgeschichte gegeben hat, daß unser kleines Land eine so harte Probe bestanden und siegreich daraus hervorgegangen ist, dank der Anstrengung von drei Generationen erreicht wurde.

Besonders anerkannt haben wir in noch stärkerem Maße jene Landsleute, die in den letzten zehn Jahren, um es genau zu sagen in den letzten acht Jahren, in der Lage waren, der doppelten Blockade zu widerstehen, nachdem das sozialistische Lager in sich zusammenbrach, die UdSSR auseinanderbrach und jener Nachbar als einzige Weltmacht in einer unipolaren Welt ohne Rivalen auf politischer, wirtschaftlicher, militärischer, technologischer und kultureller Ebene übrigblieb. Ich nehme damit keine Bewertung der Kultur vor, ich bewerte lediglich die immense Macht, mit der sie ihre Kultur dem Rest der Welt aufdrücken wollen (Beifall).

Sie konnten unser vereintes und mit gerechten Idealen bewaffnetes Volk nicht besiegen. Ein Volk, das ein großes politisches Bewußtsein besitzt, denn diesem Aspekt schenken wir größte Wichtigkeit. Wir haben über die ganzen Jahre Widerstand geleistet und sind dazu bereit, die Zeit, die es weiterhin bedarf, Widerstand zu leisten (Beifall), und zwar aufgrund des Keims, der sich im Laufe dieser Jahrzehnte entwickelt hat, aufgrund der Ideale und des Bewußtseins, das sich in dieser Zeit entwickelt hat.

Das war unsere beste Waffe und unsere Hauptwaffe und sie wird es auch weiterhin sein - selbst im Atomzeitalter. Wo ich gerade bei dem Thema bin - sogar Erfahrungen in bezug mit Waffen dieser Art hatten wir, denn zu einem bestimmten Zeitpunkt waren ich weiß nicht wieviele Bomben und wieviele Atomraketen während der berühmten Kuba-Krise 1962 auf unsere kleine Insel gerichtet. Selbst in der Zeit von intelligenten Waffen, die sich trotzdem hin und wieder irren und ihr anvisiertes Ziel um 100 oder 200 Kilometer verfehlen (Lachen), wenn sie auch über eine gewisse Treffsicherheit verfügen, wird die Intelligenz des Menschen immer noch diesen intelligenten Waffen überlegen sein (Beifall und Ausrufe).

Die Art und Weise, einen Kampf zu führen, wird zu einer Frage von Konzepten. Das gilt für die Verteidigungsdoktrin unseres Landes, das sich heute noch stärker fühlt, weil es diese Konzepte perfektionieren mußte und weil wir zu der Überzeugung gelangt sind, daß letztlich der Kampf in der Endphase für die Invasoren ein Kampf Körper gegen Körper, Mann gegen Mann und Frau gegen Invasor oder Mann gegen Frau sein wird (längerer Beifall).

Einen Kampf, der noch schwieriger zu führen ist, hat man beginnen müssen und wird ihn auch in der Zukunft weiterführen gegen dieses überaus starke Imperium. Ich rede von dem ideologischen Kampf, der pausenlos geführt wird und den sie nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers, als wir uns entschieden, fest überzeugt von unseren Idealen, weiter unseren Weg zu gehen, immer stärker vorantreiben mit all den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Mehr noch, wir mußten diesen Weg alleine weitergehen. Wenn ich alleine sage denke ich an staatliche Stellen, ohne dabei die immense und unbeirrbare solidarische Unterstützung der Völker zu vergessen, die uns seit jeher begleitet haben, weswegen wir umso stärker in ihrer Pflicht stehen, zu kämpfen (Beifall).

Wir haben ehrenhafte internationalistische Missionen erfüllt. Mehr als 500.000 unserer Landsleute haben an harten und schwierigen Missionen dieses Charakters teilgenommen - Söhne jenes Volkes, das weder Lesen noch Schreiben konnte, und das diesen hohen Bewußtseinsgrad erreichte, der es in die Lage versetzte, Schweiß und sogar sein eigenes Blut für andere Völker zu vergießen. In zwei Worten gesagt - für jedes Volk der Erde (Beifall).

Ab Beginn der Spezialperiode haben wir dann gesagt: "Unsere erste internationalistische Pflicht ist es in diesem Augenblick, diesen Schützengraben hier zu verteidigen", den Schützengraben, von dem Martí sprach in den letzten Worten, die er am Vorabend seines Todestages schrieb, als er sagte, daß das Hauptziel seines Kampfes im Stillen zu liegen habe, weil Martí nicht nur sehr martianisch war, sondern weil er noch mehr bolivarianisch war als martianisch (Beifall), und dieses Ziel, das er sich gesetzt hatte, war nach seinen eigenen Worten, "rechtzeitig mit der Unabhängigkeit Kubas zu verhindern, daß sich die Vereinigten Staaten über die Antillen ausbreiteten und so mit noch mehr Wucht über unsere amerikanischen Bruderländer fallen. All das, was ich bis heute getan habe und weiterhin tun werde, dient diesem Ziel" (Beifall).

Es war sein politisches Vermächtnis, das er uns in seinem Lebensziel zum Ausdruck bringt: den Fall jenes ersten Schützengrabens zu vermeiden, den die Nachbarn aus dem Norden schon so oft einnehmen wollten und der immer da steht und dastehen wird mit einem Volk, das bereit ist, bis zum Tod zu kämpfen, um zu verhindern, daß dieser Schützengraben Amerikas fällt (Beifall). Ein Volk, das in der Lage wäre, sogar diesen letzten Schützengraben zu verteidigen, weil derjenige, der den letzten Schützengraben verteidigt und es nicht zuläßt, daß er in die Hände von irgendeinem anderen fällt, bereits von diesem Augenblick an begonnen hat, den Sieg davonzutragen (Beifall).

Genossinnen und Genossen - erlaubt mir, daß ich euch so nenne -, weil wir das hier und jetzt sind, und ich denke, daß wir auch hier und jetzt dabei sind, einen Schützengraben zu verteidigen (Beifall), und zwar ideologische Schützengräben - entschuldigt, daß ich einmal mehr auf Martí verweise, der sagte, daß sie mehr wert seien als die Schützengräben aus Stein (Beifall).

Wir haben hier von Idealen zu sprechen, und ich komme damit zurück auf das, was ich vorhin ansprach, nämlich daß in diesen 40 Jahren viele Dinge geschehen sind. Das Wichtigste aber ist, daß diese Welt sich verändert hat. Diese Welt von heute, in der ich zu euch spreche, da ihr an jenem Tag noch gar nicht geboren wart und viele noch lange nicht geboren werden sollten, hat überhaupt nichts mehr mit der Welt von damals zu tun.

Ich habe versucht, eine Zeitung aufzutreiben, um zu sehen, ob es dort eine Notiz jener Veranstaltung in der Universität gegeben hat. Glücklicherweise haben wir über die gesamte Rede auf der Plaza del Silencio gesprochen. Mit jenem revolutionären Fieber, mit dem wir einige Tage zuvor aus den Bergen kamen, sprachen wir von den Befreiungsprozessen in Lateinamerika und legten das Hauptmerkmal dabei auf die Befreiung des Volkes der Dominikanischen Republik aus den Klauen Trujillos. Ich glaube, daß jenes Thema fast die gesamte Zeit in Anspruch nahm oder wenigstens einen Teil der Zeit dieses Treffens, wobei es auf allen Seiten eine enorme Begeisterung gab.

Heute könnte man hier nicht von so einem Thema sprechen. Heute nämlich gilt es nicht, ein Volk zu befreien, es gilt nicht ein Volk zu retten, heute geht es darum, eine Welt und eine Menschheit zu befreien und zu retten (Beifall), und das ist nicht unsere Aufgabe, das ist eure Aufgabe (Beifall).

Damals gab es keine unipolare Welt, also eine einzige hegemonische Supermacht. Heute wird die Welt und die Menschheit von einer enormen Supermacht beherrscht und trotzdem sind wir davon überzeugt, den Kampf zu gewinnen (Beifall), und das ohne jeden panglossianischen Optimismus - ich glaube, das ist ein Wort, das Schriftsteller manchmal benutzen (Lachen) -, sondern weil man sicher sein kann, daß wenn man dieses Büchlein hier (zeigt das Büchlein) losläßt, daß es dann in Sekundenbruchteilen runterfällt, daß wenn es nicht diesen Tisch geben würde, das Büchlein auf dem Boden liegen würde. Dieser Tisch, auf dem es liegt, diese mächtige Supermacht, die die unipolare Welt bestimmt, ist objektiv gesehen im Verschwinden begriffen (Beifall).

Es gibt objektive Gründe dafür und ich bin sicher, daß die Menschheit ihren unverzichtbaren subjektiven Teil dazu beitragen wird. Dazu bedarf es keiner Atomwaffen oder großer Kriege - was man dazu braucht sind Ideale (Beifall). Das sage ich im Namen dieses kleinen Landes, über das wir vorhin sprachen und das den Kampf standhaft und unbeirrbar während 40 Jahren geführt hat.

Ihr habt mich, was mich in Verlegenheit gebracht hat, mit dem Namen genannt, unter dem ich bekannt bin - ich meine meinen Vornamen Fidel, weil ich tatsächlich keinen anderen Titel innehabe. Ich verstehe ja, daß das Protokoll dazu anhält, Seine Exzellenz, Herr Präasident und noch andere solche Dinge zu verwenden (Beifall und "Fidel, Fidel!"-Rufe) - und als ich hörte, wie ihr jenes "Fidel, Fidel, was hat Fidel, daß die Amerikaner nicht mit ihm klarkommen?" (Rufe: "Fidel, Fidel, was hat Fidel, daß die Amerikaner nicht mit ihm klarkommen?"), fiel es mir ein, und ich wendete mich an meinen rechten Nachbarn, d.h. der Nachbar, der geografisch gesehen rechts neben mir saß, oder? (Lachen und Ausrufe) - einige dort machen Zeichen, die ich nicht verstehe, aber ich sagte ja, daß wir uns hier alle in der gleichen Kampfeinheit befinden (Beifall) - und so kam es mir in den Sinn, ihm zu sagen: "Verdammt nochmal, die Frage, die man sich eigentlich stellen müßte, lautet: Was haben die Amerikaner, daß sie nicht mit ihm klarkommen? (Lachen und Beifall), und wenn man statt "ihm" sagt: Was haben die Amerikaner, daß sie nicht mit Kuba klarkommen?, wäre das gerechter (Beifall). Ich weiß, daß man Wörter benutzen muß, um Ideen zu symbolisieren. In diesem Sinne habe ich das immer verstanden. Ich kann mir das niemals alleine zuschreiben, noch kann ich mir solche Verdienste zuschreiben (Rufe: "Es lebe Fidel").

Ja, wir alle haben die Hoffnung, unser Leben zu leben - wir alle - (Beifall) nach den Idealen, für die wir kämpfen und in der Überzeugung, daß diejenigen, die nach uns kommen, in der Lage sind, sie zu vollenden, wenn auch - was man nicht verschweigen darf - die Aufgabe, die auf euch zukommt, schwieriger ist als diejenige, die wir hatten.

Ich sagte euch, daß wir in einer sehr veränderten Welt leben. Unsere erste Pflicht ist, das zu begreifen. Ich habe ja bereits einige bestimmte politische Eigenschaften erläutert. Außerdem aber handelt es sich um eine globalisierte Welt - eine wirklich globalisierte Welt. Eine Welt, die dominiert wird von der Ideologie, den Vorschriften und den Prinzipien einer neoliberalen Globalisierung.

Die Globalisierung ist unserer Meinung nach nicht einfach eine Laune von irgendjemandem, sie ist nicht einmal von irgendjemandem erfunden worden. Die Globalisierung ist eine historische Gestzmäßigkeit und die Folge der Entwicklung der Produktivkräfte - und entschuldigt mich, daß ich diesen Satz verwende, der einige vielleicht immer noch wegen seines Autors erschreckt -, sie ist Folge der Entwicklung der Wissenschaften und der Technik und hat ein solches Ausmaß angenommen, das sich selbst der Verfasser dieses Satzes, Karl Marx (Beifall), der großes Vertrauen in die menschlichen Fähigkeiten hatte, nicht hätte ausmalen können.

Es gibt einige andere Dinge, die mich an die Grundideen jenes großen Denkers erinnern. Es kommt einem nämlich die Idee, daß das, was er sogar als Ideal für die menschliche Gesellschaft angesehen hat, und was immer deutlicher wird, nur in einer globalisierten Welt zu verwirklichen ist. Nicht eine Sekunde lang dachte er, daß man auf dem so kleinen Inselchen Kuba versuchen könnte, eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen oder den Aufbau des Sozialismus zu wagen, umso weniger noch in Anbetracht der Nachbarschaft des so mächtigen kapitalistischen Nachbarn.

Nun gut, ja, wir haben es versucht - mehr noch, wir haben es getan und wir haben es verteidigen können. Und wir haben auch 40 Jahre Blockade, Drohungen, Aggressionen und Leiden kennengelernt.

Heute, wo wir alleine dastehen, setzten die Vereinigten Staaten all ihre Propaganda, alle Massenmedien, die sie auf der Welt kontrollieren, in ihrem politischen und ideologischen Krieg gegen unseren revolutionären Prozeß ein und richten auf die gleiche Weise ihre immense Macht auf allen Gebieten, vor allem im Wirtschaftsbereich, sowie ihren weltweiten politischen Einfluß in ihrem Wirtschaftskrieg gegen Kuba ein.

Man redet von Blockade, aber Blockade sagt gar nichts. Wenn wir doch nur eine Wirtschaftsblockade hätten: was unser Land nämlich in all dieser langen Zeit hat ertragen müssen, ist ein wahrer Wirtschaftskrieg. Soll ich das zeigen? Geht nur einmal irgendwo auf der Welt zu einer Fabrik, die einem US-Amerikaner gehört, um ein Mütze oder ein Halstuch zu kaufen, das ihr nach Kuba exportieren wollt. Selbst wenn es dort die Bürger des betreffenden Landes herstellen und das Rohmaterial aus dem Land selbst stammt, verbietet die Regierung der Vereinigten Staaten in tausenden von Meilen Entfernung, die Mütze zu verkaufen oder das Halstuch zu verkaufen. Ist das Blockade oder ist das Wirtschaftskrieg?

Wollt ihr noch ein zusätzliches Beispiel?: Wenn zufällig jemand von euch in der Lotterie gewinnen sollte - ich weiß nicht ob es hier eine Lotterie gibt - oder einen Schatz findet - das ist ja durchaus möglich - und nun entscheidet, eine kleine Fabrik in Kuba zu bauen, hat er mit Sicherheit sehr schnell Besuch eines bedeutenden Beamten der US-Botschaft oder sogar des US-Botschafters selbst, der ihn versuchen wird zu überreden, ihn drängen wird oder ihn mit Repressalien bedrohen wird, damit er diesen kleinen Schatz nicht in eine kleine Fabrik in Kuba investiert. Ist das Blockade oder Wirtschaftskrieg?

Ebensowenig erlauben sie es, daß man Kuba Medikamente verkauft, selbst wenn dieses Medikament unverzichtbar ist, um ein Leben zu retten. Die Beispiele, die wir in diesem Sinne nennen können, sind nicht gerade wenige.

Wir haben diesen Krieg überlebt und wie in jedem Krieg, egal ob militärisch, politisch oder ideologisch, gibt es Verluste. Es gibt einige, die vielleicht verwirrt sind und es auch sind, oder weich geworden oder schwach geworden sind angesichts der verschiedenartigen wirtschaftlichen Engpässe, der materiellen Entbehrungen, der Zurschaustellung des Luxus der Konsumgesellschaften und der verfaulten, aber zuckersüß dargebrachten, Vorstellungen von den fabelhaften Vorteilen ihres Wirtschaftssystems, ausgehend von dem armseligen Standpunkt, daß der Mensch ein Tierchen sei, das sich nur dann in Bewegung setzt, wenn man ihm eine Möhre vor die Nase hält oder ihn mit der Peitsche antreibt. Wir könnten sagen, daß sie ihre gesamte ideologische Strategie auf diese Grundlage stellen.


Die Rede dauerte über 4 Stunden. Für die Übersichtlichkeit ist Sie hier auf unterschiedliche Seiten verteilt.

Vorwort

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